Anne Prettin: Die vier Gezeiten, Lübbe Verlag, Köln 2021, 480 Seiten, €22,00, 978-3-7857-2731-7

„Diese Familie glich der Insel, auf der sie lebte: Die Kießlings waren rau, tosend, verschwiegen. Sie waren voller Überraschungen, freundlich, geheimnisvoll wie der Nebel über dem Watt und manchmal auch unbarmherzig wie das Juister Wetter.“

Alles beginnt ziemlich dramatisch mit Tagebuchaufzeichnungen von 1978. Wer diese Person ist, bleibt noch im Verborgenen. Sicher ist allerdings, dass sie ihren Selbstmord im Watt minutiös plant.

Wechseln die Zeiten, in denen Anne Prettin von den Kießlings, ihren Freunden und Feinden erzählt, so bleibt der Ort der Handlung immer derselbe: die ostfriesische kleine Insel Juist.

Hierher ist Johanne mit ihren Kindern Adda und Joost nach dem Krieg aus Dresden geflohen. Hier hat sie ihre große Liebe, Gustav, einen jüdischen Anwaltssohn, kennengelernt und hier hat sie Wilhelm, seinen Freund, geheiratet. Als Kriegswitwe hat sich Johanne auf Juist zuerst als Dienstmädchen und später als Hotelbesitzerin mit ihren Kindern durchgeschlagen. Als ihre Tochter Adda von einem Medizinstudenten während einer Kur geschwängert wird und dieser nie auf Juist, trotz aller Versprechen angekommen ist, muss Adda Dr. Eduard Kießling heiraten. Sein biografischer Hintergrund bleibt etwas verschwommen und er versteht sich am besten mit Johanne, die ziemlich geschäftstüchtig und arbeitsam alles am Laufen hält. Vieles verschweigt sie ihrer Familie, in vielen Momenten ist sie mehr als herzlos.

2007 erwartet der leicht dogmatische und selbstverliebte Eduard, der „Provinzfürst“, wie er auch genannt wird, eine hohe Auszeichnung mit Ehrenempfang, zu dem seine Familie anzutreten hat. Unterbrochen werden die Vorbereitungen durch Helen. Die Zwanzigjährige ist extra aus Neuseeland angereist, um ihre leibliche Mutter zu finden. Ein Foto, die enorme Ähnlichkeit mit Adda und der Hinweis auf Juist waren der Motor für die ruhelose junge Frau. Adda, mittlerweile siebzig Jahre alt, zweifelt immer mehr an ihrer aufgezwungenen Entscheidung für Eduard. Immer deutlicher wird, dass sie eigentlich ihren Jugendfreund Onno schon immer geliebt hat.
Adda und Eduard haben drei Töchter bekommen, die mehr oder weniger glücklich auf Juist leben.
Wanda ist die Tagebuchschreiberin. Ihre innere Ablösung von der Familie, ihre Flucht nach Berlin, „dem Sündenpfuhl“ aus Eduards Sicht, ihre Rückkehr und die Planung ihres Selbstmordes, auch sie ist von jemandem schwanger, mit dem sie nicht zusammen sein kann, werden innerhalb der Handlung ausführlicher erzählt. Und das hat seinen Grund.

Die vier Töchter sind für Adda die vier Gezeiten, ihr größtes Glück und ihre größte Sorge. Fast alle Frauen in der Familie werden von Männern geschwängert, die sie lieben, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht mit ihnen leben können.

Bewegt und sehr unterhaltsam fächert Anne Prettin das Leben einer Familie auf, in der Lebenslügen bis hin zu Betrug vieles aufrecht erhalten. Alles beginnt in den 1930er Jahren und endet 2007. Jegliche gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland taucht auch in dieser Familiengeschichte auf, ob es nun die Judenverfolgung, die deutsche Teilung, die gefährliche Aids-Erkrankung oder die Erhaltung des Watts ist.
Dramaturgisch geschickt hält Anne Prettin über eine lange Strecke die LeserInnen im Ungewissen, wessen Kind denn nun Helen ist und sie offenbart immer mehr Geheimnisse der einzelnen Familienmitglieder. Zwei Briefe von Helens Adoptivmutter eröffnen dann den LeserInnen eine völlig neue Geschichte.

Wer die raue See mit Ebbe und Flut und Menschen, in deren Leben so einiges schief gelaufen ist, mag, sollte diesen Roman auf jeden Fall lesen!