Jessica Stanley: Wir in zehn Jahren, Aus dem Englischen von Claudia Voit, Dumont Verlag, Köln 2026, 366 Seiten, €25,00, 978-3-7558-0041-5
„Was war mit ihr geschehen? Wie konnte jemand alles haben, was er sich je erträumt hatte, und sich dennoch so leer fühlen? Wie konnte jemand rund um die Uhr Menschen um sich haben, die er liebte – und sich dennoch einsam fühlen?“
Gleich zu Beginn deutet Jessica Stanley in ihrem unterhaltsamen und realitätsnahen Roman an, dass ihre Hauptfigur Coralie Bower zwar in einem wunderbaren Haus mit Kindern und Ehemann, den sie liebt, wohnt, aber doch am liebsten alles verlassen würde. Und schon fragen sich die Lesenden, was wird in den kommenden zehn Jahren, 2013 setzt die Handlung ein, geschehen, dass offenbar am Ende alles unheilbar zerrüttet ist.
Mit Ende zwanzig lebt die Australierin Coralie in London. Als Werbetexterin und Buchliebhaberin hat sie über ihre australische Firma in einer Agentur einen Job erhalten, an den Wochenenden schreibt sie eigene Texte. Ärgerlich ist nur ihre Wohnlage in der unmittelbaren Nähe eines lauten Pubs. Ansonsten stört es sie kaum, dass sie weit fort von ihrer kranken Mutter und ihrem Bruder Daniel lebt. Als sie dann den geschiedenen Adam Whiteman, der als Journalist arbeitet, und seine aufgeweckte vierjährige Tochter Zora kennenlernt, könnte es nicht besser sein.
Sie zieht zu ihm in sein Haus, finanziert einen Umbau mit ihren eigenen Ersparnissen und beginnt über Kinder nachzudenken. Nach und nach jedoch bemerkt sie, dass immer Adams schriftstellerische Ambitionen im Zentrum stehen, und das hat auch etwas mit den politischen Veränderungen in Großbritannien zu tun. Da Adam ein aktuelles Buchprojekt nach dem anderen über britische Persönlichkeiten, die in der Regierung aktiv sind, angeboten bekommt, stellt Coralie bedingt durch Vollzeitjob, Kinderbetreuung und Hausumbau ihr Schreiben ein. Sie verbringt sehr viel Zeit mit Zora, erträgt Adams hochbezahlte Ex-Frau Marina, die wieder schwanger ist, und deren konservativen Ehemann, der sich als Abgeordneter aufstellen lassen wird. In vielen Gesprächen tauschen sich die Protagonisten über Ed Miliband, David Cameron, Boris Johnson, Theresa May oder Jeremy Corbyn und natürlich den alles verändernden Brexit aus. Und so scheint es Coralies Schicksal zu sein, dass immer, wenn sie schwanger ist, die britische Regierung in eine Krise trudelt und Adam ein wichtiges Buch schreiben kann. Sicher muss die Familie, die nun aus vier Personen und natürlich Zora besteht, finanziell im nicht gerade preiswerten London über die Runden kommt. Doch Geld, und das ist ungewöhnlich, spielt bei all den Konflikten zwischen Coralie und Adam keine Rolle. Die Unsicherheit der Freiberuflichkeit, die beide Protagonisten kennen, wird kaum reflektiert. Es geht wie so oft in Familien, in denen beide Partner beruflich eingespannt sind, um Gleichberechtigung, d.h. die gerechte Aufteilung aller anstehenden Alltagsaufgaben, vom Kinder in die Kita bringen, bis kochen, putzen und vom anderen darüber hinaus gesehen werden. Ist das Familienglück mit den Kindern Zora, Florence und Max vollkommen, so bleibt doch die meiste kaum kreative Arbeit, insbesondere seit Adam eine feste Stelle bei der „Times“ hat, an Coralie hängen. Und dann ereilt wie alle anderen auch die Pandemie die Familie Whiteman-Bower und Coralie fühlt sich mit zwei Kleinkindern im Haus völlig allein gelassen. Auf Nebenschauplätzen thematisiert Jessica Stanley Coralies Familiengeschichte, die zum einen die an Krebs erkrankte nicht geliebte Mutter, den schwulen Bruder, der nach dem Tod der Mutter in London lebt und die konfliktbeladene Beziehung zum extrem rechten Vater, der beim Militär seinen Dienst getan hat und die Familie schon früh verlassen hatte. Als Coralie dann nach zehn Jahren einfach nicht mehr wie ein Uhrwerk funktioniert und die Bedürfnisse der anderen sie niederdrücken, muss Adam eine Lösung finden, um das Schlimmste zu verhindern.
„Überfordert, auf der Stelle tretend, verbittert bis oben hin, richtete sie ihre ganze Wut, für die sie sonst kein sicheres Ventil hatte, auf Adam und schnauzte ihn an, er solle seinen Hintern vom Sofa bewegen, das Haus verlassen, seine Spülmaschinenzwänge überwinden und sich wegen seines neuen Jobs zusammenreißen und seinen Mann stehen ( wo kam das denn auf einmal her? ).“
Unterhaltsam, versöhnlich, aber auch nachdenklich stimmend zeichnet die australische Autorin Jessica Stanley ein Bild einer jungen Familie, in der alles letztendlich auf den Schultern einer Person abgeladen wird. Die Alltagsaufgaben erdrücken die einst so glückliche Beziehung und plötzlich fehlen die Gespräche, die doch früher so wichtig waren.