Alexander Oetker: Léon und die Frau im blauen Kleid, Der erste Fall für de Cavallier und Bentaleb, Atlantik im Hoffmann und Campe Verlag, 303 Seiten, €18,00, 978-3-455-02164-6
„Er hatte eine schwarze Chinohose an und einen grauen Kapuzenpullover, sie konnte das Dior-Logo auf dem Pullover schon von weitem erkennen.
‚Hätte ich mir denken können‘, sagte Nadia, ‚dass das Boot die Farbe Ihrer Seele hat.‘
Léon de Cavallier verzog keine Miene. ‚Da lade ich Sie so nett auf eine morgendliche Spritztour ein, und dann sind sie so bissig zu mir’“
Schwarz ist die riesige Yacht von Léon de Cavallier, wobei Adelstitel in Frankreich ja eigentlich keine bedeutende Rolle mehr spielen sollten. Und natürlich bittet der neunundreißigjährige Commissaire de Cavallier, Directeur de la Brigade in Nizza, seine neue Partnerin wider Willen, Nadia Bentaleb, frisch aus Paris angereist, nicht im heißen August zum Vergnügen auf seine Yacht. Beide sind auf der Suche nach dem Mörder einer unbekannten, jungen Frau, die im blauen Kleid am goldenen Sandstrand vollgepumpt mit Alkohol, Drogen und K.-o.-Tropfen angespült wurde. Auf dem Meer finden die beiden, nachdem sie sich über den Todeszeitpunkt, Strömungen und Boote in der Nacht zuvor kundig gemacht haben, die Handtasche und den Ausweis der Polin Katarzyna Markowska. Commissaire Nadia Bentaleb kann nicht fassen, dass sie mit dem Grafensohn, der bevorzugt teure schwarze Anzüge trägt und eigentlich nicht mal arbeiten muss, in seinem roten Ferrari sitzt und durch Nizza rast. Zum Glück bekommt sie bald ihr Motorrad, das natürlich keine Hehlerware ist, wie de Cavallier in seiner arroganten Art vermutet hatte. Rassistische Sprüche ist Nadia aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe gewöhnt, aber sie kann sich wehren. Am meisten freut sich de Cavalliers rundlicher Mitarbeiter Brigadier Duval über Nadias Anwesenheit. Er stammt ursprünglich aus der Bretagne und arbeitet am liebsten im Innendienst. Da de Cavallier bei seinen Kollegen, insbesondere der korrupten Gendamerie maritime nicht sonderlich beliebt ist, sind diese auch nicht erpicht darauf, ihm zu helfen. Erst durch Aussagen von Fischern stellt sich heraus, dass die Yacht des Monegassen Luc Lasalle, junger Spross einer reichen Familie, in dieser Nacht genau dort unterwegs war, wo Katarzyna Markowska über Bord gegangen und ertrunken ist.
Luc Lasalle gibt zu, die junge Polin gekannt zu haben. Und natürlich entsendet sein Vater auch sofort die besten Anwälte, um den Sohn zu schützen. Erst über den Drogenhandel in Nizza, und hier kann Nadia mit ihren beruflichen Erfahrungen punkten, geraten die Ermittler auf die richtige Spur.
Alexander Oetker überrascht gleich zu Beginn des neuen Côte d’Azur – Krimis mit einer Todesanzeige für seine Hauptfigur und weckt so die Neugier auf den dramatischen Ausgang des Romans und natürlich auf die Fortsetzung, denn niemals kann eine eingeführte Figur für eine Reihe gleich sterben. Immerhin hat de Cavalliere so einige Geheimnisse, z.B. wenn es um seine untergetauchte Freundin Aurore und seine Tochter Noémi geht oder die sich anbahnenden Konflikte mit korrupten Kollegen, die sich nie mit ihrem Gehalt einen Ferrari leisten könnten. Belebend sind die schnellen und bissigen Dialoge zwischen dem Adligen und der neuen, taffen, sehr respektlosen Commissaire, die aus einem völlig anderen Milieu stammt, ihrem Partner durchaus Paroli bieten kann, auch wenn sie noch nie Champagner getrunken hat. Und wie immer unterfüttern die Handlung die Beschreibung des exquisiten Essens, der Klischees rund um die Reichen und Neureichen dieser Welt und die Stadt Nizza mit ihrer malerischen Umgebung und dem Mittelmeer.
Die Idee eines Adligen als polizeilicher Ermittler ist nicht neu, denn bereits Elizabeth George konnte mit ihrem Inspektor Lynley, dem feinen wie sehr reichen Blaublüter, eine große Leserschaft begeistern. Doch die Figur Léon de Cavallier hat durchaus Potenzial und inspiriert Alexander Oetker sicher zu mehreren interessanten Fällen.
Band 2 erscheint im Frühjahr 2027!