Philippa Perry: Die Therapeutin und ihre Mörder, Dr. Pat Philipps und der tote Klient, Aus dem Englischen von Elke Link, Ullstein Verlag, Berlin 2026, 349 Seiten, €17,99, 978-3-86493-390-5
„Sie lächelte ihr Spiegelbild an und sah sich in die Augen. Komm schon, Pat, nickte sie, so schwer kann es doch nicht sein. Was war mit Henry Clayton passiert? Niemand zieht einen schicken Anzug an, um dann von einer Felsküste zu springen?“
In Westlinke in der Nähe der malerischen Kreidefelsen lebt und arbeitet die Psychotherapeutin Dr. Pat Philipps. Jeden Morgen geht sie trotz schmerzender Hüfte im Ärmelkanal schwimmen und sammelt stoisch den Müll auf, den wahrscheinlich eher Einheimische als die zahlreichen jungen, südkoreanischen Touristinnen einfach so wegwerfen. Pat ist bekannt für ihre direkte wie uneitle Art und Willensstärke und sie scheut sich nicht, Hundebesitzer auf drastische Weise auf die Leinenpflicht hinzuweisen. Befreundet ist die Zweiundsechzigjährige mit dem pensionierten etwas pedantischen Prichard Knowles, der voller Leidenschaft kocht und die unmöglichsten Weinsorten kreiert. Einst war Pat verheiratet, hat als Rechtsanwältin in London gearbeitet und ihre Tochter Sophia, mit der es oft Streit gibt, großgezogen, wobei sie sich nicht für eine gute Mutter hält. Nach der einvernehmlichen Scheidung lebte Pat mit Sue zusammen und als die Leidenschaft vorbei war, entschied sich Pat für einen neuen Beruf und ein Häuschen am Meer nebst Schäferwagen als Praxisraum.
Die englische Autorin Philippa Perry lässt in ihrem Debüt ihre nun ein wenig schrullige, aber lebenskluge Hauptfigur nebst ihrem guten Bekannten in einem Todesfall ermitteln, den die Polizei vor Ort wegen der guten Aufklärungsquote kurzerhand als Suizid, da die Kreidefelsen bei Selbstmördern sowieso beliebt sind, eingestuft hat. Das Opfer ist der Londoner Henry Clayton, ein junger, attraktiver Mann und Klient von Pat, den sie allerdings nur per Zoom therapiert hat. Dass ausgerechnet er am Fuße der Kreidefelsen tot aufgefunden wird, verwundert die Therapeutin, genau so wie die Tatsache, dass er zu den Küstenrettern gehört, die gegen das Planungsverfahren eines Golfplatzes unmittelbar neben Pats Haus Einspruch erheben wollte. Allerdings konnte es dazu nicht mehr kommen, da Henry, und immer mehr Indizien sprechen dafür, ermordet wurde. Und da die Fledermäuse, deren Existenz ein Grund gewesen wäre, um den Golfplatz zu verhindern, einfach so verschwunden sind, ist die Bahn nun frei für das Luxusressort. Pat weiß genau, dass Henry nicht depressiv war, wie sein Lebensgefährte Derek behauptet. Allerdings führte Henry mit dem zu Gewalt neigenden Derek eine toxische Beziehung. Pat kann ziemlich gut beobachten, zuhören und erkennen, wo die Schwachstellen bei Menschen zu finden sind. Und so kommt sie dem jungen Police Constable Barry Footer, der sich am liebsten mit Süßkram den Magen vollschlägt, etwas näher und kann mit seiner Hilfe, z.B. nochmals das gemietete Zimmer von Henry sehen, in dem er sich angeblich mit Derek an dem bewussten Tag verabredet hat und versöhnen wollte. Sie sieht den sogenannte Abschiedsbrief, der auf gar keinen Fall von Henry geschrieben wurde und sie erhält von Henrys trauernder Mutter einen Anruf, in dem diese ihr erzählt, dass alle Konten ihres Sohnes kurz vor seiner Ermordung leergeräumt wurden. Im Laufe der Handlung führt die englische Autorin auch die skurrile Nachbarschaft von Pat ein, zu der ein reiches Swingerpärchen und vor allem Dorna Braddon, die Bauherrin des geplanten Golfplatzes nebst Spa, gehören. Seltsam gesellig wie die Engländer zu sein scheinen, treffen sich nun die Nachbarn in Buchclubs und Malkursen. Allerdings wurde Pat, dank ihrer Offenheit und Streitlust, aus einigen WhatsApp – Gruppen ausgeschlossen und sogar beim Malwettbewerb hat die ihr verhasste Dorna Pats Bild aus dem Gruppenfoto entfernt. Dass die sozialen Medien, die Pat nicht sonderlich schätzt, ihr auf die Sprünge helfen werden, überrascht dann eher die Therapeutin als die Lesenden.
Führt die Autorin die Lesenden gern auf falsche Pfade, so findet ihre eigenwillige Hobbydetektivin doch das Motiv für die brutale Tat und bringt sich am Ende auch noch selbst in Gefahr.
Mit einer Gruppe illustrer Nachbarn, einer wundervollen Landschaft, deren herbe Schönheit fasziniert und einer ambivalenten, wie originellen Protagonistin als Hauptfigur hat Philippa Perry ein interessantes Umfeld für weitere Kriminalfälle geebnet.
Auf den zweiten Band darf man gespannt sein!