Sia Piontek: Blutroter Sommer, Goldmann Verlag, München 2026, 448 Seiten, €17,00, 978-3-442-20693-3
„Die These der LKA-Expertin war jedoch durchaus interessant. Ein Mörder, der töten musste. Weil er Stimmen hörte. Oder durch einen Vorfall zutiefst erschüttert worden war. Betrogen. Verraten.“
Carla Seidel, Hauptkommissarin bei der Kripo Lüneburg, sieht nach ihrem Alkoholentzug und der Reha etwas optimistischer in die Zukunft. Ihr Verhältnis zu ihrer Tochter Lana, die momentan ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert, wird langsam besser und dann ist da ja auch noch der Pathologe Dr. Paul Friedrich, der Carla in der Reha besucht hat. Doch kaum wieder im Dienst muss sich Carla mit Lars Eggers, Constantin Becker und dem nicht gerade geschätzten Holger Sodann mit zwei Morden an minderjährigen Mädchen im Wendland befassen. Die vierzehnjährige Leonie Henneberg und die dreizehnjährige Nele Wagner wurden entführt, über einen kurzen Zeitraum festgehalten, erstickt und dann entkleidet verbrannt. Ein Martyrium. Beim ersten Mord fand die Spurensicherung noch Reste von Brennnesseln und Mohnblumen bei der Leiche. Bevor die Feuerwehr die Brände löschen konnte, hatte der um Aufmerksamkeit heischende Täter mit Bildmaterial die Presse informiert. Mit dem Satz „Die Unschuld ist tot!“ scheint er auf etwas hinweisen zu wollen.
Sia Piontek gibt ihm in den kursiv gestalteten Kapiteln in ihrem Buch eine Stimme, um zu offenbaren, was ihm Tragisches in seiner Kindheit widerfahren ist und woran er glaubt und sich festhält.
Die zunehmend nervöser werdende Carla Seidel tappt bei all ihren Ermittlungen im Dunkeln, stößt aber immer wieder auf zwei über Jahrzehnte verfeindete Bauernfamilien, die Plewkas und die Grubers. Beide Mädchen sind um ein paar Ecken mit den Plewkas verwandt und doch schält sich kein Motiv heraus, ergibt sich kein ermittlungstechnischer Ansatz. Immer wieder stößt Carla auf aggressive Familienmitglieder, die kaum gewillt sind, ihr Fragen zu beantworten. Am unfreundlichsten ist Marlies Plewka, die ihren Hof mit harter Hand führt. Auch auf der Gegenseite mit dem alten Karl Gruber kommt Carla Seidel keinen Deut weiter. Und Lana, Carlas Tochter, mischt sich erneut ein und weiß, dass Leonie und Nele beide bei den Pfadfindern aktiv waren. Möglicherweise könnte sich hier eine Spur ergeben. Kaum haltbare Indizien führen zu Verhaftungen, die letztendlich allerdings ohne brauchbare Ergebnisse enden. Ärgerlich bei allen Recherchen und Nachforschungen ist, dass Carla keine Rückendeckung von ihrem ambitionierten Vorgesetzten, Dr. Kai Wächter, zu erwarten hat. Im Gegenteil, er übergibt die Leitung nach vier Tagen bereits an Holger Sodann ab. Doch Carla lässt sich nicht unterkriegen und holt sich Hilfe vom LKA, um sich mehr in die möglichen Motive des Täters hineinversetzen zu können. Als dann jedoch noch ein Brand mit einer Leiche gemeldet wird, ist Carla völlig ab Boden. Das Opfer ist der siebenundfünfzigjährige Karl Gruber, dessen Ermordung alle gedanklichen Konzepte den Täter betreffend über den Haufen wirft. Und dann wird wieder ein Mädchen entführt.
Sia Piontek taucht mit ihrem Krimi tief in die verschlossene Gesellschaft der Familien ein, die heutzutage gegen alle Widerstände versuchen, gemeinsam ihren Hof erfolgreich zu bewirtschaften.
Es geht in dieser spannenden Geschichte um Geheimnisse, Feindschaften, Geld, Konkurrenz, Missbrauch in der Familie, Beziehungen zwischen Großmüttern, Müttern und Söhnen, aber auch auf seltsam berührende Weise um eine alte Liebe.
Auch Carla muss sich um ihre eigenen Familienverhältnisse kümmern, aber dies könnte ein Thema im nächsten Band werden.
Weitere Besprechungen der Krimis von Sia Piontek mit ihrer Hauptfigur Carla Seidel finden sich in diesem Literaturblog!
Sia Piontek: Der Wolf im dunklen Wald
Sia Piontek: Die Sehenden und die Toten