Virginie Grimaldi: Unser Sommer endet nie, Aus dem Französischen von Sabine Schwenk, Eisele Verlag, 352 Seiten, €17,00, 9783961612826
„Diese fünfjährige Auszeit hat uns wieder zusammengeführt. Es hätte sein können, dass wir uns verändert und uns gegenseitig nicht mehr ertragen hätten – stattdessen haben wir eine Minute gebraucht, um Seite an Seite weiterzugehen. Es gibt etwas zwischen uns, das mächtiger ist als jeder Streit, robuster als alle Differenzen und ich fühle mich dadurch gestärkt.“
Emma und Agathe Delorme trauern um ihre Großmutter, genannt Mima. Sie war das emotionale Zentrum für die beiden Frauen, die all ihre Sommerferien als Kinder und Jugendliche im Baskenland in Anglet am Meer verbracht haben. Doch nun ist Mima an einem Schlaganfall verstorben und der verhasste Onkel Jean-Yves hat das Haus verkauft. Zum letzten Mal verbringen die beiden Schwestern eine Ferienwoche im Gedenken an Mima im Haus. Dabei herrschte fünf Jahre lang Funkstille zwischen beiden.
Virginie Grimaldi erzählt wirklichkeitsnah und zeitversetzt von den Tagen im August, mal aus der Sicht der zweiundvierzig Jahre alten Emma, mal aus Agathas Perspektive und sie taucht tief in die Vergangenheit der Geschwister ein. Wie in sehr persönlichen Tagebuchaufzeichnungen erinnern sich beide an einschneidende Momente in ihrem Leben. So ist die fünfjährige Emma kaum begeistert als Agathe 1985 auf die Welt kommt. Durch die chronologischen Erinnerungseinschübe der Schwestern entsteht ein Bild vom Familienleben der Delormes. Nach der konfliktreichen Trennung der Eltern wohnen die Kinder bei der Mutter und ersehnen jedes Jahr die harmonischen, sorglosen Ferien bei der Großmutter. Emma als ältere Schwester nimmt fast automatisch die Rolle der Beschützerin für Agathe ein, die von vielen Ängsten geplagt wird. Emma ist die eher pragmatische, alles kontrollierende Schwester, wobei Agathe gefühlvoll und beharrlich ist. Später werden Ärzte, auch zur Erleichterung der Familie, feststellen, dass Agathe mit all ihren Stimmungsschwankungen an einer bipolaren Störung leidet. Als der Vater dann mit kaum dreißig Jahren bei einem Unfall ums Leben kommt, leiden die Schwestern unter der Trunksucht der Mutter und ihren Wutanfällen. Noch bis ins Erwachsenenleben werden Emma und Agathe von der Mutter geschlagen, bis beide sich von ihr distanzieren und den Kontakt beenden. Wobei nur Emma konsequent bleibt und keine Entschuldigungen und Ausreden mehr ertragen kann.
In der gegenwärtigen Handlung durchstöbern die Frauen das Haus, finden uralte VHS-Kassetten mit Aufnahmen, die Erinnerungen wieder lebendig werden lassen. Sie kochen die Gerichte der Großmutter mit mehr oder weniger Erfolg nach und sie entdecken, dass Mima nach dem Tod des Großvaters noch eine Liebe in der Nachbarschaft gefunden hatte. Emma erzählt von ihrer Familie, immerhin hat sie zwei Kinder und doch auch so einige Probleme mit ihrem Mann Alex, Agathe nimmt Emma zu ihrer Arbeitsstelle als Sozialarbeiterin in einem Altenheim gleich in der Nähe vom Haus der Großmutter mit. Schritt für Schritt nähern sich die Schwestern einander an. Und erst fast am Ende der Woche kann sich Emma dazu durchringen, Agathe zu offenbaren, warum sie, die immer die Starke sein musste, wirklich die Nähe zu ihr gesucht hat.
Indem Virginie Grimaldi sprachlich kaum aufregend ohne Sentimentalität die Innenleben der beiden Hauptfiguren freilegt, entsteht ein Verständnis für deren Handeln und die fatalen Brüche in der zerrissenen Familie.