Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter, Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma, Luchterhand Verlag, München 2026, 448 Seiten, €25,00, 978-3-630-87648-1

„Sie ahnte, dass man sich, um sich zu integrieren, auflösen musste, ausradieren, die Vergangenheit löschen. Dass der Preis für die Integration auch der Verlust einer gewissen Integrität war. Sie war die kleine Meerjungfrau, und wenn sie Beine wollte, wenn sie in der Welt der Menschen herumlaufen wollte, dann musste sie den Preis dafür bezahlen. Doch sie fand sich nicht damit ab, ihre Stimme zu verlieren.“

Mit dem Roman „Trag das Feuer weiter“ endet die Trilogie über eine marokkanisch-französische Familie, in der Leïla Slimani die Geschichte von drei Generationen erzählt. Die Besprechungen der Vorgängerbände sind in diesem Literaturblog zu finden:

DAS LAND DER ANDEREN

Leïla Slimani: Schaut, wie wir tanzen

Der Schriftstellerin Mia Daoud schlittert bedingt auch durch die Pandemie 2021 in Paris in eine Schreibblockade. Ein Neurologe nennt es „Brain Fog“, „Gehirnnebel“. Auch wenn die Erinnerungen Mia immer schwerer fallen, schaut sie in die 1980er Jahre auf ihre Kindheit und Jugend in Rabat zurück und kehrt dafür auf Anraten der Ärzte in die Heimat nach Marokko zurück.

Leïla Slimani erzählt aus verschiedenen Perspektiven, mal wechselt die Person, der man folgt, kapitelweise, mal nach nur ein paar Sätzen.

Als Kind kann Mia ihre Eifersucht auf die jüngere Schwester Inès, die einem blonden Engel mit Gazellenaugen gleicht, kaum unterdrücken. Die Mädchen leben privilegiert und suchen doch auch nach ihren Identitäten. Sprechen sie in der Familie Französisch, gehen an französische Schulen, so möchte Mia, die wie ein Junge aussehen will, auch Arabisch lernen, die Kultur ihres Landes begreifen. Religion hat für die Familie Daoud keine Bedeutung. Die Eltern vermitteln den Kindern eher, dass sie alles erreichen könnten und frei sind. Doch gehen sie nach draußen, dann spiegelt die marokkanische Gesellschaft ihnen genau das Gegenteil. Frauen gelten gar nichts. Der Vater Mehdi ist Bankdirektor, die Mutter Aïcha Gynäkologin. Mehdi kann sich aus seinen einfachen Verhältnissen lösen und eine Aufsteigerbiografie vorweisen. Allerdings wird er auch durch einen Finanzskandal tief fallen und zu Unrecht im Gefängnis landen. Der Vater wird seinen Mädchen Mut machen und ihnen sagen: Trag das Feuer weiter und geh, kommt nicht mehr zurück.
Mia, die Frauen liebt, entscheidet sich daraufhin für ein Studium in Paris. Sie hätte nie geahnt, wie schwer es für sie sein würde, sich in der westlichen Welt zu etablieren. Auch Inès folgt der Schwester in die französische Hauptstadt und beide erleben, dass die Ideale, die sie mit dem Westen verbunden haben, insbesondere die eigene Individualität zu entfalten und ein freies Leben zu führen, als Frauen arabischer Herkunft kaum erreichbar sind.
Autobiografisch unterfüttert folgen die Lesenden im letzten Band der Schriftstellerin Mia in ihrer Zerrissenheit zwischen Heimat und Fremde, aber auch den lebendig beschriebenen Familienmitgliedern und deren Konflikten in einer immer komplizierter werdenden Welt.