John Grisham: Das Vermächtnis, Aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya, Bea Reiter, Heyne Verlag, München 2026, 480 Seiten, €24,00, 978-3-453-27428-0
„Er musste daran denken, wie er den Wert des Nachlasses das erste Mal zusammengerechnet hatte. Das war vor einem Jahr gewesen, in seinem Konferenzraum, während sich Netty mit einem Papiertaschentuch die Augen getrocknet und nach Strich und Faden gelogen hatte. Sie war eine sehr überzeugende Lügnerin gewesen. Und er ein naiver, habgieriger Dummkopf.“
Simon Latch arbeitet als Anwalt in Braxton, einem kleinen Ort in Virginia. Seine Kanzlei bringt ihm wenig Geld ein, er ist hoch verschuldet, seine Ehe steht kurz vor dem Aus, mittlerweile ist er auch schon aus seinem Haus ausgezogen und sieht seine drei Kinder nicht oft. Um sich abzulenken, wettet er gern, aber auch hier hat er wenig Erfolg. Doch dann eines Tages lernt er eine neue Mandantin kennen, die sein Leben hoffentlich endlich verändern wird. Eleanor Barnett möchte gern ein neues Testament aufsetzen. Die fünfundachtzigjährige Frau hat jedoch bereits bei Simons Konkurrenten, genauer gesagt bei Wally Thackerman, ein Testament abgeschlossen. Die einsame Frau ist jedoch misstrauisch und glaubt, dass der Jurist sie über den Tisch gezogen hat. Obwohl ihr Mann Harry bereits zehn Jahre tot ist, zitiert sie immer noch seine Sprüche, dass natürlich alle Juristen Betrüger sind. Bei genauerer Betrachtung stellt Simon fest, dass Netty, so will Eleanor Barnett genannt werden, durchaus Recht hat. Nicht dass sie das Schreiben ihres Anwalts wirklich gelesen und verstanden hätte. Im Kleingedruckten hat sich Wally eine riesige Summe als Honorar nach dem Ableben von Netty gesichert. Als Simon nun nachhakt, um zu verstehen, ob Netty wirklich über sehr viel Geld verfügt, glaubt er zu entdecken, dass sie, die nie Geld für sich ausgegeben hat, ( Sie wird auch sein Honorar nicht zahlen. ) durch die zahlreichen Aktienkäufe ihres Mannes über ein Millionenerbe, das sie immer geheim gehalten hat, verfügt. Simon hofiert Netty, geht mit ihr Essen, will, dass sie ihm vertraut, lernt sie kennen und stellt fest, dass sie ein kleinmütiger, missliebiger und geiziger Mensch ist. Sie hat weder Kontakt zu ihren ungeratenen Stiefsöhnen, die sowieso nichts erben sollen, noch zu ihrer Nichte oder zu ihrem Neffen. Als Simon anregt, ihr Erbe doch an hilfsbedürftige Organisationen zu spenden, hat sie keine Idee, wem sie etwas geben könnte. Genau wie Wally will Simon, der nun eine Chance wittert, seine Schulden loszuwerden, mit seinem aufgesetzten Testament einen Großteil des Geldes auf seine Seite bringen. Aus diesem Grund verheimlicht er den Abschluss auch vor seiner Assistentin Matilda. Doch der Geldsegen könnte auf sich warten lassen, denn Netty fährt noch einigermaßen sicher Auto und wird noch lang leben. Als sie dann allerdings mit ihrem Auto angetrunken einen schweren Unfall verursacht und im Krankenhaus landet, besucht Simon sie regelmäßig. Er überredet sie zu einer Patientenverfügung und zu einer späteren Einäscherung und er bringt ihr vietnamesisches Essen mit, dass sie seit ihren gemeinsamen Restaurantbesuchen so mag. Sterben wird Netty an einer Lungenentzündung, doch es wird zu einer Obduktion kommen, da ihre Stiefsöhne behaupten, sie sei ermordet worden. Es stellt sich heraus, dass im vietnamesischen Essen Thallinmengen entdeckt wurden. Jemand hat sie vergiftet. Simon ahnt nun, dass er der erste und letzte Verdächtige ist, auf den sich Detektive Roger Barr konzentrieren wird. Schnell landet er im Gefängnis und kann sich jedoch noch vorher mit dem bekannten Strafverteidiger Raymond Lassiter besprechen, der ihn Pro bono erst mal vertreten wird. Für die Presse ist der kleine Anwalt der Schuldige, der sich das Vermögen seiner Mandantin unter den Nagel reißen wollte und nicht vor einem Mord zurückschreckte.
John Grisham schaut in das Leben eines Mannes, dem das Wasser bis zum Hals steht und der hofft, endlich das große Los gezogen zu haben. Sicher wäre es nach dem Tod von Netty noch zu Unannehmlichkeiten mit Wally und den Stiefsöhnen gekommen, aber letztendlich hätte er abgesahnt. Nach vielen Recherchen wird jedoch klar, dass Netty zwar schuldenfrei lebt und auch über Gelder auf Konten verfügt, aber niemals über zwanzig Millionen. Außerdem hatte auch ihr Mann Harry ein Testament verfasst, dass seine Söhne ohne Wissen von Netty bei ihrem Tod begünstigt. Um nicht lebenslang unschuldig im Gefängnis zu landen, muss Simon herausfinden, wer Netty auf dem Gewissen hat. Helfen werden ihm dabei sein charismatischer Strafverteidiger und vor allem eine Krankenschwester, die sich daran erinnert, dass Simon als Anwalt einst ihren Vater anständig vertreten hat und in seinem Fall nicht habgierig war.
Was John Grisham kann, dass sind lebendige Dialoge und Szenen schreiben, um seine Figuren in all ihren Widersprüchlichkeiten zu zeigen. Trockene juristische Finessen verwandelt er in eine spannende Handlung, die bis zum Ende fesselt. Auch wenn Simon Latch nicht gerade jemand ist, von dem man juristisch vertreten werden möchte, so leidet man doch beim Lesen mit ihm mit und hofft, dass alles gut ausgeht, auch wenn er dann wieder pleite ist.
Der Titel des ersten Whodunit – Krimis des Bestsellerautors lautet im Original „The Widow“ und vielleicht wäre dieser auch passender gewesen.