Marc Raabe: Im Morgengrauen, Thriller, Ullstein Verlag, Berlin 2026, 575 Seiten, €17,99, 978-3-86493-365-3

„Martin Buchwald nickte. In diesem Moment hatte er eine Entscheidung getroffen. Er verabschiedete sich von Kracht, dann ging er in sein Büro, öffnete das Schließfach, entnahm seine Dienstpistole, prüfte gewissenhaft das Magazin und legte sein Schulterholster an.“

Mitten im eisigen Winter in Berlin geschieht Unfassbares und Martin Buchwald vom BKA, der Vorgesetzte von Marc Raabes Hauptfiguren, Art Mayer und Nele Tschaikowski, stellt sich auf die Seite desjenigen, der angeblich den Bundeskanzler Henrik Westphal ermordet hat und nun auf der Flucht ist. Dass der wahre Täter dem Ermittler Art Mayer das blutige Messer in dessen Wohnung hinterlegt haben könnte, diese Möglichkeit schließt Ole Kracht, Chef der Abteilung Sicherheitsgruppe, völlig aus. Schnelle Lösungen müssen her, denn der Innenminister will Ergebnisse sehen. Alle ahnen, dass Henrik Westphal getötet wurde. Doch aus welchem Grund sollte gerade Art Mayer, sein einstiger Jugendfreund ihn beseitigen? Auch wenn er Juli, die Ehefrau des Bundeskanzlers, ebenfalls eine Jugendfreundin, immer noch liebt, fehlt das Motiv. Art, der eindeutig am Limit ist, hat keine Wahl, er muss eigene Ermittlungen anstellen und herausfinden, war wirklich hinter all den Geschehnissen der letzten Tage steckt.
Denn nicht nur das Verschwinden des Bundeskanzlers, sondern auch drei Videonachrichten über seine angeblichen sexuellen Aktivitäten beschäftigen die Polizei. Zumal der Leichnam nebst abgetrenntem Kopf der Produzentin dieser Videos, Kessy X oder im wahren Leben Sarah Becker, in den Tunneln der U-Bahn auf der Strecke U5 in der Nähe des Alexanderplatzes gefunden wurde. Der Bundeskanzler mit Security hatte die Fünfundzwanzigjährige im Burgerladen aufgesucht, in dem sie unterbezahlt arbeitet. Doch hat er sie wirklich sexuell belästigt, wie sie im Video behauptet und warum hat sie sich von dieser charismatischen Heidi, die sie in einem Café einfach so angesprochen hat, dazu verleiten lassen? Und dann diese Entführung ihrer Zwillingsschwester Sophie aus einer Privatklinik, die Kessy mit dem Erbe der Eltern, die bei einem Autounfall, bei dem Kessy am Steuer saß, zu Tode kamen. Später wird sich herausstellen, dass Heidi im Kanzleramt gearbeitet hat und wirklich eine Affäre mit dem Bundeskanzler hatte. Rache als Motiv? Auch sie wird die entscheidenden elf Tage, in denen die Handlung spielt, nicht überleben und Opfer des großen Unbekannten werden, der hinter der Entführung von Sophie und dem Verschwinden des Bundeskanzlers steckt. Doch was ist sein Antrieb? Angeblich ein Geheimnis, dass Henrik Westphal in einem schwachen Moment Kessy anvertrauen wollte. Und dies dreht sich um eine Vaterschaft und natürlich Juli Westphal, die in sehr jungen Jahren ein Mädchen zur Adoption freigegeben hat.
Doch wer ist der Vater? Art, Henrik oder doch eine dritte Person?
Die Lesenden wissen bereits, dass Leo Tempel mit Vorliebe für alte Porsches die fünfundzwanzigjährige Tochter einer diese Männer ist. Sie pflegt engen Kontakt zu Art, der nun in der Vergangenheit nach einer Schnittstelle zwischen sich und dem Bundeskanzler sucht. Wem hatten beide so auf die Füße getreten, dass dieser Täter zu Entführungen oder auch Morden fähig sein könnte und wer hat die Kameras in der U-Bahn-Unterführung außer Kraft gesetzt?
Neben der Suche nach den Tätern, von der Marc Raabe multiperspektivisch erzählt, spielt auch wieder das Privatleben von Nele Tschaikowski, die Mutter geworden ist, eine Rolle. Ihr Mann Roman erwartet von ihr, dass sie bei der Arbeit nicht vollen Einsatz zeigt. Wenn er allerdings das gemeinsame Kind versorgen muss, holt er eher seinen Vater zu Hilfe. Und außerdem betrügt er sie.
Und Art ist auch noch nebenher Pflegevater für die achtjährige Milla, die in ihrem bisherigen Leben einfach zu viel Negatives erleben musste.
Letztendlich ergibt sich am Ende ein klägliches Bild von Politikern in hohen Ämtern, zerfressen von Eifersucht und Missgunst, von Ehemännern, die die Karrierechancen der eigenen Frauen torpedieren und Ermittlern, die einander vertrauen und gemeinsam alle doch verzwickten Fäden rund um die Morde entwirren und einander am Ende in die Augen schauen können.
Spannend wie immer und zum Glück weit weit weg vom realen Berliner Politikzirkus. Hoffentlich.

Ebenfalls im Literaturblog erschienen:

Marc Raabe: Die Nacht