Mattias Edvardsson: Tatort Trelleborg, Gunni Hilding ermittelt, Aus dem Schwedischen von Annika Krummacher, Blanvalet Verlag, München 2026, 400 Seiten, €17,00, 978-3-7645-1015-2
„Es war ein erschütternder Prozess. Wahrheiten infrage zu stellen, die jahrelang als selbstverständlich gegolten hatten. Sie hatte gerade erst begonnen, sich dem Gedanken anzunähern, dass Robins Tod sich womöglich gar nicht auf ein Spiel unter Kindern zurückführen ließ, das eskaliert war.“
Für Polizisten gehört wohl zu einer der schlimmsten Erfahrungen, wenn sie ein vermisstes Kind suchen müssen und am Ende nur seinen Tod feststellen, der auch noch durch Gewalteinwirkung herbeigeführt wurde. Die Polizeimeisterin Gunni Hilding wird im Jahr 1989 den Schrei der Mutter und den Anblick des achtjährigen Robin im Sumpfgebiet eines Waldstückes in Südschweden nie vergessen. Da Gunni die Gegend rund um den Tatort gut kennt und Kriminalhauptkommissar Valter Roos ihre Arbeit schätzt, wird sie ins Dezernat für Gewaltverbrechen versetzt. Eher skeptisch begegnet ihr der Kettenraucher und Kriminalkommissar Hasse Malmsten, erfreut jedoch ist Kriminalkommissarin Inga Sjölin.
Mattias Edvardsson rückt in seinem Auftaktband die beruflichen wie privaten Sorgen der jungen Polizistin ins Zentrum des Geschehens. Die siebenundzwanzigjährige Gunni, die ihr eigenes Zuhause und ihre Eltern verlassen hat, lebt wie die Familie von Robin recht isoliert mitten in der Natur. Aufgewachsen unter den Zeugen Jehovas musste die junge Frau Ungerechtigkeiten erleben und erfahren, dass nicht mal ihr Vater auf ihrer Seite steht. Der Bruch mit der Familie, ab und zu telefoniert sie noch mit ihrer jüngeren Schwester Gerd, schmerzt Gunni, auch wenn sie bei ihrer Tante vorerst untergekommen ist. Hier kümmert sie sich um ihr Pferd Stjärna und denkt sehr oft an den toten Jungen. Zwar warnt der Ermittler Malmsten sie mehrmals, nicht so emotional an die Arbeit heranzugehen, so kann Gunni doch ihre Gefühle nicht unterdrücken. Sie wird es dann auch sein, die fünf Jahre später bei einem weiteren Kindermord darauf dringen wird, den Fall des kleinen Robin nochmals aufzunehmen.
Rückblick: Lola Falk jedenfalls sorgt sich etwas um ihren Sohn Robin, denn sie mag die Nachbarskinder und Geschwister Dennis und Daniel nicht sonderlich. Beide Jungen haben ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und mussten danach in Pflegefamilien leben. Jetzt sind sie wieder beim Vater und nehmen es oft mit der Wahrheit nicht so genau. Als die Jungen an diesem Tag im Wald spielen wollen, ahnt niemand, dass der Ausflug für alle drei tragisch enden wird. Nach vielen Befragungen durch die Ermittler, die sich insbesondere auf die Männer der Umgebung konzentrieren, behauptet Daniel, dass er den Mord an Robin gesehen habe und er benennt den angeblichen Täter. Doch dem stillen Nachbarn Allan Olsson ist nichts nachzuweisen. Auch die anderen Verdächtigen kann die Polizei nicht lang festhalten. Ein Mädchen, das in der Nähe des Tatortes aus einem Pfadfinderlager ausgebüchst war, sagte allerdings aus, dass es einen Troll im Wald gesehen habe. Doch Malmsten tat das als Fantasie eines Teenagers ab. Inzwischen verschlechtert sich das Verhältnis von Lola Falk zu ihrem Lebensgefährten Tony, mit dem sie einen dreijährigen Sohn hat. Als strenger Stiefvater hatte Tony keinen guten Draht zu Robin und er fordert von Lola, dass sie ihre Trauer um das tote Kind nicht zeigen soll. Da die Brüder Dennis und Daniel zeitweise behaupten, sich an nichts erinnern zu können und dann immer wieder neue Geschichten über Robin und die Stunden im Wald erzählen, fordert die Polizei Professor Ekenstirna an, einen ausgemachten Experten, der angeblich die verschütteten Erinnerungen der Jungen reaktivieren kann. Als die Kinder dann am Tatort befragt werden, schlussfolgern die Ermittler, dass es einen Streit gab und Robin von seinen eigenen Freunden getötet wurde. Fünf Jahre später in der Mittsommernacht wird wieder ein Junge im Wald getötet, der große Ähnlichkeit mit Robin hat.
Mattias Edvardson konzentriert sich in seiner Handlung rund um die toten Jungen nicht nur auf die polizeiliche Ermittlungsarbeit, er verfolgt auch die Lebenswege der Opferfamilien. So erfahren die Lesenden von Lolas Trennung von Tony und ihren Problemen und sie begleiten Daniel, Dennis und ihren Vater Leif bei ihren ständigen Umzügen, denn niemand will mit Kindern spielen, die ihren Freund erschlagen haben. Als dann jedoch bezweifelt wird, dass Professor Ekenstirna wirklich seriös gearbeitet hat, kehrt Gunni zum Dezernat für Gewaltverbrechen zurück und beginnt mit Inga und Malmsten nach dem wahren Täter zu suchen.
Auch wenn von Anfang an eine düstere, zwingende Spannung über dieser atmosphärisch genau erzählten Geschichte liegt und es vollkommen klar ist, dass hier gar nichts gut werden wird, bleiben die Lesenden an der Seite der jungen, enthusiastischen Gunni, die an sich zweifelt und dann doch die richtigen Maßnahmen ergreift.
Auf den zweiten Band darf man gespannt sein!