John Niven: Zwei Väter, Aus dem Englischen von Stephan Glietsch, btb Verlag, München 2026, 416 Seiten, €18,00, 978-3-442-76333-7

„Dan trank sein Glas leer und ging zur Bar.
Dem Typ scheint der Diebstahl seines Autos am Arsch vorbeizugehen, dachte Jada.
Er war also niemand zu Schaden gekommen: das perfekte Verbrechen.“

Dan Chambers und Jada Hamilton, beide Männer Ende vierzig, treffen sich zum ersten Mal auf der Geburtenstation im Glasgower Krankenhaus. Dan, der erfolgreiche wie finanziell abgesicherte Drehbuchautor einer Krimiserie, die schon zwanzig Jahre im Fernsehen läuft, und Jada, der Kleinkriminelle, der sich mit Wetten, kleineren Betrügereien und illegalen Deals über Wasser hält, sind am gleichen Tag Väter von Söhnen geworden. Für Dan ist Tom das erste Kind, dessen Geburt, immerhin fünf Jahre und mehrere In-Vitro – Behandlungen später, auf sich warten ließ. Für Jada ist Jaydon schon das fünfte oder sechste Kind, er ist sich da nicht so sicher, da er jede Tochter und jeden Sohn mit einer anderen Frau gezeugt und sich nie um seinen Nachwuchs gekümmert hat. Doch mit der neunzehnjährigen Nicola soll alles anders werden. Wie immer ist bei Jada das Geld knapp, denn zu gern hängt er im Pup ab, schmeißt eine Lokalrunde nach der anderen, wettet, dealt mit Drogen, lügt und betrügt. Natürlich nutzt er die erstbeste Gelegenheit, um den überglücklichen Dan, der ihn gutmütig mit seinem Tesla vom Krankenhaus nach Hause fährt, sein Auto zu stehlen. Allerdings musste der Tesla sofort in seine Einzelteile zerlegt werden und somit fällt für Jada, der neuen Technik geschuldet, nicht viel ab. Immer wieder per Zufall laufen sich Dan und Jada über den Weg. Dan notiert sogar ein paar Machosprüche, die Jada absondert, für sein Schreiben, da der Glasgower Kleinkriminelle keinen Satz ohne einen Fluch von sich geben kann. Die Welten der beiden Väter wie neuen Söhne könnten nicht weiter auseinander liegen. Dan kümmert sich in seinem schönen Haus mit Garten aufopfernd um seine Frau und seinen Sohn, den er wie ein Helikoptervater umkreist. Stundenlang beschäftigt sich Dan mit Sicherheitsmaßnahmen, damit dem Kind nur ja nichts passiert. Grace nimmt vieles gelassener und kann durch die Hilfe der Eltern und Schwiegereltern, diversem Personal und guter Ernährung schnell wieder in den Alltag finden. Nicola hingegen ist in ihrer vermüllten, kleinen Sozialwohnung völlig allein. Jada entwickelt keine emotionale Bindung zu seinem Sohn, da er angeblich pausenlos arbeiten muss und Jadas Mutter interessiert sich kaum für ihre Tochter, geschweige denn für den Enkelsohn. Und so rutscht die junge Frau, die immer dünner wird und nichts von gesunder Ernährung oder ordentlicher Haushaltsführung hält, tiefer in die Tabletten- und Drogenabhängigkeit. Setzt Nicola ihren Sohn am liebsten vor den riesigen Fernseher, so wird Tom natürlich vorgelesen und behütet. Doch wie das Schicksal so spielt, greift nicht Jayden zur großen Weintraube und erstickt daran, sondern Tom.
Für Dan beginnt ein schauriger Höllentrip und eine ungeahnte Abwärtsspirale, die mit dem Rauswurf aus seinem Haus und der Trennung von Grace nicht enden wird. Alkohol, Drogen und eine Paranoia tun das Übrige. Und natürlich trifft Dan Jada im Pub und beide werden zu Saufkumpanen und auf seltsame Weise auch Freunde, denn Dan findet heraus, dass der großspurige Jada Analphabet ist. Als dann Jadas Deal beim Schusswaffenverkauf mit den Iren völlig schief geht, kann Dan, der ihm auch das Lesen beibringt, mit einer großen Geldsumme das Leben retten. Doch Dan ist nicht mehr der sanfte wie rücksichtsvolle Perfektionist ohne Hintergedanken. Er hat von Jada und seinen brutalen Freunden, die jede noch so kleine Schwäche ausnutzen, gelernt, dass man sich nehmen muss, was man haben will. Und so verfolgt er als „Onkel Dan“ einen perfiden Plan, der sich natürlich um den kleinen Jayden und sein Leben mit drogenabhängigen Eltern dreht.

„Nicht lang, und Jayden würde in die Fußstapfen seines Vaters treten, würde lernen, wie man andere Leute betrügt, bedroht, abzockt und über den Tisch zieht, wie man prügelt, sich aus der Verantwortung stiehlt und immer mehr Scheiße baut -… „

John Niven hat einen äußerst unterhaltsamen wie tragikomischen Roman über zwei doch sehr ambivalente Protagonisten, die sich in völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus bewegen, geschrieben. Mit seinem trockenen Humor, der plastischen Figurensprache und den verschiedenen ironisch eingefärbten Sichtweisen von Dan und Jada jeweils auf den Alltag des anderen, schafft er, eine glaubwürdige Handlung bis zum märchengleichen Ende zu konstruieren. Ob es nun um toxische Männlichkeit, überbordende oder eher gleichgültige Vatergefühle oder gravierende Unterschiede bei der Herkunft geht, eins bleibt gleich, jeder kann aus existentiellen Tiefschlägen lernen und in seinem Leben etwas ändern.