Lia Middleton: Was sie immer wusste, Aus dem Englischen von Charlotte Lungstrass-Kapfer, Piper Verlag, München 2026, 368 Seiten, €17,00, 978-3-492-06726-3

„Er gehört nicht hierher. Er gehört nicht zu diesen Monstern.
Das werde ich nicht zulassen. Er ist ein gewöhnlicher Mensch, ein Mann, der um seine Frau trauert und sich gleichzeitig hier verteidigen muss.“

Als jüngster Strafverteidiger und zum Kronanwalt berufen hofft Harry Macon-Hall endlich auf einen spektakulären Gerichtsfall, um seiner Karriere den richtigen Schub zu verleihen. Immerhin muss er eine Familie ernähren und gehört nicht zu den Juristen, die durch reiche Eltern und entsprechende Netzwerke alles geebnet bekommen haben. Er musste sich wirklich hocharbeiten und das weiß auch seine Frau Piera, die selbst als Anwältin gearbeitet hat, aber zur Zeit bei der einjährigen Tochter Rose das Haus hütet. Piera fühlt die Zerrissenheit zwischen Muttersein und endlich wieder beruflich einsteigen zu können. Zu groß ist ihre Angst, den Anschluss zu verpassen.
Doch Harry unterstützt Piera, wo er kann und beide führen nun seit zehn Jahre eine harmonische Ehe. Und dann endlich ist er da, der Fall, auf den Harry so gewartet hat. Francis Joseph wird des Mordes angeklagt. Ihm wird der gewaltsame Tod seiner Frau Linda zur Last gelegt, der er in seinem eigenen Haus die Kehle durchgeschnitten haben soll. Francis, der Frank genannt werden möchte, wechselt kurz vor Prozessbeginn den Verteidiger und bittet ausdrücklich um Harrys Beistand. Frank, der ebenfalls ausgebildeter Jurist ist, schildert den Abend, an dem Linda gestorben ist, seinem Verteidiger völlig anders. Sie habe nach einer langen Phase der Depressionen und des Verlustes des gemeinsamen Kindes in seiner Anwesenheit auf grausige Weise den Freitod gewählt. Zwar habe Frank immer dafür gesorgt, dass seine Frau nicht allein im Haus ist, doch an diesem einen Tag musste er in seiner Londoner Firma für Finanztechnologie anwesend sein. Natürlich fragen sich die Lesenden, welche Schilderung nun die richtige ist, die Vermutung der Staatsanwaltschaft oder die treuherzige Aussage des trauernden Ehemannes.
Lia Middleton schildert in ihrem Thriller im Detail wie ein englisches Gericht bei einem Mordprozess arbeitet. Es geht um die Auswahl der Geschworenen, die Zeugenbefragungen und Harrys Bemühungen, Frank als sorgenden Ehemann zu präsentieren. Lia Middelton, die selbst als Rechtsanwältin gearbeitet hat, erzählt multiperspektivisch und zeitversetzt. Denn spätestens wenn Piera ihre Sicht des Geschehens schildert, wird deutlich, dass sie Frank aus ihrer Studienzeit kennt und sogar mit ihm liiert war, bevor er sich ihrer besten Freundin Linda zugewandt hatte. Und Frank, Linda und sie hüten ein Geheimnis, dass der eigentlich sehr selbstbewusste Frank, der alles unter Kontrolle hat, mit entsprechendem Videobeweis offenbaren will, wenn Piera ihm nicht hilft. Dass Piera ihrem Mann all dies verschweigt und Harry belügt, ahnt der mittlerweile misstrauische Ehemann in der Laufzeit des Prozesses.
Lia Middleton thematisiert in ihrem Thriller, in dem Täter wie Täterinnen straffrei davonkommen aber auch Opfer von Straftaten werden, die offensichtliche Frage, wie genau kenne ich wirklich einen Menschen, der an meiner Seite lebt und wie schnell kann man sich in einem fremden Menschen täuschen, der seine Rolle wirklich perfekt spielt. Sonderlich ausgeklügelt ist die Darstellung des Mordfalles in diesem Roman nicht, zumal der ausführliche Klappentext die aufgebaute Spannung im Handlungsverlauf konterkariert. Erstaunlich bleibt das Rechtsbewusstsein der Hauptfiguren, die jegliches Recht außer Kraft setzen können, wenn ihr eigenes Wohlergehen auf dem Spiel steht und sie damit durchkommen. Wie Harry und Piera damit dann weiterhin leben können, bleibt der Vorstellungskraft der Lesenden überlassen.
Überraschend spannend!