Val McDermid: Die Straße der Knochen, Aus dem Englischen von Karin Diemerling, Droemer Verlag, München 2026, 480 Seiten, €18,00, 978-3-426-56566-7

„Sam Nimmo hatte sich nicht selbst den Schädel eingeschlagen und unter die Autobahn gelegt. Aber die Person, die es getan hatte, war sehr clever gewesen. Clever, oder in Panik geraten und vom Glück begünstigt? Karen drängte sich die Frage auf, ob Rachel Morrison hatte sterben müssen, weil das Opfer, auf das man es abgesehen hatte, an dem Abend nicht zu Hause gewesen war.“

DCI Karen Pirie, die Leiterin der Historic Cases Unit der schottischen Polizei, und ihr Team befassen sich im achten Band mit mehreren Verbrechen in der Vergangenheit.
Durch einen heftigen Winterregen und einen Erdrutsch wird in einem Abschnitt der Autobahn M73
ein Skelett freigelegt. Der Tote ist Sam Nimmo, ein Investigativjournalist, der vor elf Jahren spurlos verschwunden ist. Angeblich hatte er seine schwangere Freundin Rachel Morrison erschlagen und war flüchtig. In einem Brief an seine Mutter gesteht er mit Bedauern seine brutale Tat und berichtet davon, dass er durch seine guten Kontakte untertauchen wird. Doch Sam Nimmo wurde ebenfalls erschlagen, was der Schädelfund eindeutig beweist. Weiterhin dreht sich alles um den Tod des seriösen Hoteldirektors Tom Jamieson, der in der Nacht vor fünf Jahren auf der bekannten Treppe Scotsman Steps angeblich verunglückt ist. Allerdings hat es an diesem Abend nicht geregnet und er hatte auch noch sein Fußgelenk gebrochen. Vehement behauptet sein Bruder, der extra aus Neuseeland, bedingt durch die Corona – Zeit, erst jetzt anreisen konnte, dass Tom ermordet wurde. Wie immer beginnen nun die intensive Recherchearbeiten, die sich DC Jason Murray und DS Daisy Mortimer teilen. Jason legt sich besonders ins Zeug, denn er fühlt sich von Daisy nicht so richtig ernst genommen. Die sehr auf ihre Arbeit fokussierte und sympathische Karen Pirie jedoch stärkt beiden den Rücken, erwartet aber auch vollen Einsatz, der nicht immer regelkonform ist und auch die Dienstzeit oft überschreitet. In ihrem eigenen, doch sehr einsamen Privatleben hofft Karen bald auf Änderungen, denn ihr syrischer Freund Rafik, der in Kanada als Arzt arbeitet, könnte bald die Staatsbürgerschaft erhalten und nach Schottland zurückkehren. Allerdings hat sich Rafik nach der Absetzung Assads für die Rückkehr in sein Heimatland entschieden.
Diese enttäuschende Mitteilung muss Karen erst mal außen vor lassen, denn bei der intensiven Polizeiarbeit stoßen die Ermittler auf weitere Unfälle, die jedoch bei näherer Recherche Morde sein könnten. Sam Nimmo jedenfalls ist bei seiner Arbeit in der Phase des Unabhängigkeitsreferendums auf einen argen Fall von sexualisierter Gewalt gestoßen. Bei einer Silvesterparty 2013 waren zwei Männer darin involviert, zum einen der unantastbare Lord Haig Striven – Douglass und zum anderen der Comedian William Kidd, der das weibliche Opfer eingeladen hatte.
Um einem Skandal zuvorzukommen, mussten offenbar Sam und seine Freundin sterben.
Bei den Befragungen zum Tod von Tom Jamieson stoßen die Ermittler auf einen Leseclub, der sich Die Gerechten Sünder nennt. Nur zwölf Männer dürfen Mitglied werden und schnell erkennt Karen, dass in diesem Club wohl kaum über aktuelle Literatur gesprochen wird, sondern darüber, wie man dank seiner privilegierten Stellung in der Gesellschaft sich gegenseitig finanziell unter die Arme greifen kann und in der Karriereleiter noch höher aufsteigen. Tom Jamieson wollte unbedingt diesem Club beitreten, wobei er nur drei Treffen erleben durfte.
Bei all den polizeilichen Nachforschungen, bei denen Val McDermid sehr akribisch ins Detail geht, reisen Karen und Daisy sogar nach Rostock, um eine Fotojournalistin, die bei der AfD undercover recherchiert, zu treffen. Und die Ermittler, offenbar arbeiten die schottischen Polizisten nicht sonderlich genau, verhaften als Beifang auch noch Beteiligte an manipulierten Fußballwetten.
Keine Frage, Val McDermid erwartet von ihren Lesenden absolute Aufmerksamkeit, um bei beiden Fällen, die in sich sehr kompliziert sind und es äußerst schwierig ist, den Opfern gerecht zu werden, nicht den Faden zu verlieren. Doch es lohnt sich, auch wenn nicht alle Täter trotz Zeugenaussagen aufgrund der Beweislage und ihrer gesellschaftlichen Stellung zur Rechenschaft gezogen werden können.
Empfehlenswert!