Jess Kidd: Mord in der Pension Möwennest – Eine gescheiterte Nonne ermittelt, Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrance, Dumont Verlag, Köln 2026, 381 Seiten, €18,00, 978-3-7558-0067-5

„Hat das Aufklären von Verbrechen nicht immer irgendetwas mit falsch zugeordneten Dingen und Abläufen zu tun? Winzige Übereinstimmungen oder Abweichungen von täglichen Gewohnheiten sind für gewöhnlich der Schlüssel für die Lösung großer Vergehen. Tapfer trinkt sie auch den Rest ihres Tees und geht hinunter zur Wache, um zu hören, was Rideout herausgefunden hat.“

Schwester Agnes beendet nach dreißig Jahren ihre Zeit im Kloster der Karmeliterinnen und nennt sich nun wieder Nora Breen. Ganz gezielt sucht sie in Kent den Ort Gore-on-Sea auf und quartiert sich mit ihrem geringen Übergangsgeld vom Kloster in der Pension Möwennest ein. Es ist das Jahr 1954. Nora kennt die Pension aus den Briefen der Novizin Frieda Brogau, mit der sich Nora angefreundet hatte und die nach ihrem Weggang aus dem Kloster mit ihr in Kontakt geblieben ist.
Als die zuverlässige Frieda dann jedoch nichts mehr von sich hören ließ, beschloss Nora das Kloster zu verlassen, um nach ihr zu suchen.
Jess Kidd beschreibt die raue Landschaft am Meer atmosphärisch genau, blickt mit ihren Lesenden in die doch ziemlich heruntergekommene Pension mit ihren strengen Regeln, ihrem schäbigen Inventar und dem kläglichen Essen. Die englische Autorin wählt als Zeitform das Präsens und ist somit immer ganz nah an den Figuren, in einer Zeit, die immer noch von den Schatten des Zweiten Weltkrieges geprägt ist. Aus Noras Sicht werden nun die Bewohner der Pension vorgestellt, die alle, so Friedas Worte in ihren Briefen, etwas zu verbergen haben.
Da ist zum einen Helena Wells, die Inhaberin vom Möwennest, und ihre siebenjährige, eigenwillige Tochter Dinah, die sich gern exotisch kleidet, sich überall versteckt und nicht spricht. Irene Rawlings ist die missmutige, unsympathische Haushälterin, die nie über ihren vom Krieg schwer gezeichneten Sohn spricht. Das junge Paar, Teddy und Stella Atkins, gehören zu den Langzeitgästen, aber auch Karel Ježek, Bill Carter und Professor Poppy und sein Hund. Mit ihren neugierigen Fragen nach Frieda kann sich Nora nicht zurückhalten und schnell wird auch den Gästen klar, dass Nora, wie sie sagt, nicht nur Krankenschwester war. Nora versucht sich weltgewandt zu geben, pafft Zigaretten, beobachtet alle im Haus und findet doch zu Beginn nicht allzu viel heraus. Bill Carter arbeitet als Koch im Marine Hotel, Stella ist Büroangestellte, Teddy ist im Vergnügungspark tätig und Prof. Poppy hat für seine Puppen und sein Theater eine Werkstatt bei der Pension. Und hier wird auch die erste Leiche entdeckt. Es ist Teddy Atkins, der von seinen Kriegserlebnissen gezeichnet, kaum schlafen kann und nach Stellas Aussagen Suizidgedanken hatte.
Da sich in seinem Kaffee Zyanid befand, geht Detective Inspector Rideout von Mord aus. Auch Nora hat die Leiche Teddys gesehen und ein Taschentuch von Frieda in seiner Hosentasche entdeckt. Bei den Befragungen bittet Stella, die sich mit Nora etwas angefreundet hat, um Noras Anwesenheit. Allerdings muss Rideout Nora immer wieder zurechtweisen, denn sie ist ihm zu beharrlich, zu taff und hat viel mehr Fragen und Vermutungen als der Inspector. Ein weiterer Mord wird geschehen und Nora wird durch ihre Nähe zu Dinah, mit der alle in der Pension so ihre Schwierigkeiten haben, durch unterirdische Gänge zu einem weiteren Grundstück geführt. Hier wird in einer tiefen Versenkung der tote Körper einer Frau entdeckt, den Nora voller Trauer als den ihrer vermissten Freundin identifizieren wird. War es ein Unfall? Wem ist Frieda zu nahe gekommen?
Jess Kidd hat einen sprachlich, aber auch dramaturgisch sehr eleganten Roman geschrieben. Wie an feinen Fäden zieht sie uns Leserinnen und Leser immer tiefer hinein in eine dunkle Geschichte, verkompliziert durch das Schweigen der Protagonisten und ihrer tragischen Verbindungen.