Veronika Peters: Mehr Leben als geplant, Rowohlt Kinder Verlag, Hamburg 2026, 253 Seiten, €24,00, 978-3-463-00076-3
„Alma Grün ist zu einer Person geworden, die sie niemals sein wollte: einer Frau, die lügt. Viel schlimmer noch: einer Mutter, die ihre Kinder anlügt. Aus Liebe, sagt sie sich hundert Mal am Tag, aus Liebe und Fürsorge, damit die Töchter weder zwischen die elterlichen Fronten geraten, noch sie ihrer Mutter gegenüber zu irgendwas verpflichtet fühlen, Mitleid zum Beispiel. Aber Lügen bleiben Lügen, egal welcher dubiosen Motivationslage sie entstammen, denkt Alma Grün und fragt sich, wie sie aus dieser Nummer wieder herauskommt.“
Vor fünf Monaten konnte die selbstbewusste, gut situierte Alma Grün im Feinkostladen um die Ecke einkaufen, exotische Urlaube planen und ohne auf den Kontostand zu schauen, teure Klamotten bestellen. Heute muss sie jeden Euro umdrehen, hat Mietschulden und kann sich nur vom Discounter irgendwelche billigen Lebensmittel leisten, denn von einer Sekunde auf die andere hat sich ihr Lebensgefährte Karl, mit dem sie zwei Töchter großgezogen hat, ohne jegliche Auseinandersetzung von ihr verabschiedet und ist zu seiner Geliebten gezogen. Nun sitzt die fast Sechzigjährige in ihrer riesigen Wohnung im Prenzlauer Berg, zum Glück mit altem Mietvertrag, und weiß, dass ihre eigene Karriere als Autorin von einst so angesagten Sachbüchern über vergessene interessante Frauen ebenfalls am Ende ist. Warum hat sie sich nie um ihre finanzielle Sicherheit im Alter gekümmert? Warum saß sie im Elfenbeinturm der kreativen Selbstständigen und glaubte, es würde beruflich wie privat immer so weitergehen? Dabei ist sie eine streitbare Frau, die mit ihrer direkten Art sich kaum die Butter vom Brot nehmen lässt. Doch nun hat sie sich in ihrer Wohnung eingeigelt, verkauft online die alten Jil Sander – Kleidungsstücke und sieht sich in den sozialen Medien irgendwelche Tierfilmchen an. Rückblickend glaubt sie sogar, dass sie eigentlich auch keine gute Mutter war, denn zu ihren erwachsenen Töchtern hat sie kaum Kontakt. Hilfe erhofft sich Alma von ihrer Freundin und Agentin Jana Fürst, die völlig ahnungslos ist.
Veronika Peters beschreibt Almas gnadenlosen Abstieg, den sie aus der personalen Perspektive und im Präsens erzählt, um ihrer Figur sehr nah zu sein, mit bissiger Ironie und doch immer auch mit einer Prise Würde. Denn Alma fällt wirklich tief. Zum einen recherchiert sie nun für einen jungen Insta-Star, einer gewissen Gretchen Müller mit Künstlernamen, die ein Buch über Claire Goll schreiben will und zum anderen arbeitet sie, Ironie des Schicksals, bei ihrer ehemaligen, zielstrebigen Putzfrau Bascha Adamczyk, die eine Pension mitten im Prenzlauer Berg aufgemacht hat, ebenfalls als Reinigungskraft mit Arbeitsvertrag. Und sie nimmt, um ihre Wohnung zu behalten, einen Untermieter auf, den eigenwilligen Halbbruder ihrer Agentin. Werner ist ein Riese von Mann mit psychischen Problemen und offenbar sehr schweigsam. Als Alma aus der Pension zwei vergessene Wasserschildkröten mitbringt, die sie eigentlich im Tierheim abgeben will, lebt Werner sichtlich auf. Er kümmert sich mit Almas Hilfe um die empfindlichen Tiere namens Lise und Lotte und erfreut sich an deren Gesellschaft. Wo andere sich auf ihren arbeitsfreien Alltag freuen, beginnt für Alma ein neuer Abschnitt, denn sie muss nun körperlich hart arbeiten, sich unflätige Bemerkungen von Gästen anhören und alles still ertragen. Bei der Recherche über Claire Goll entdeckt sie nach und nach Ungerechtigkeiten, die der Lyrikerin widerfahren sind, quält sich mit der überbordenden Emotionalität in Golls Schreibstil, der ihr so gar nicht liegt und hadert mit Claires Heiligsprechung ihres nicht immer treuen Ehemannes Yvan Goll nach dessen Tod. Und Alma überdenkt ihr eigenes Schreiben kritisch und glaubt zu erkennen, warum sie als Autorin einfach nicht weiterkommen konnte. Und sie überwindet sich und lässt auch ihre Töchter ohne Scham in ihr derzeitiges so anderes Leben schauen.
Anteilnehmend oder vielleicht auch mit einem Quäntchen Unverständnis tauchen die Lesenden in Almas schwierige, realistisch überzeugend dargestellte Lebenssituation ein, die irgendwie an Jean de La Fontaines Fabel „Die Grille und die Ameise“ erinnert. Und sie erkennen schnell, dass Alma zwar Frauensolidarität erfahren kann, aber diese nicht umsonst zu bekommen ist. Dass Alma am Ende nicht als wirre Obdachlose durch Berlin wandelt und sich alles zum Guten wendet ist von Anfang an klar und mildert kaum den Lesegenuss und die wirklich warmherzige Darstellung aller Figuren nebst Tieren.