Åsa Hellberg: Vega Varg – Das Schweigen der Insel, Aus dem Schwedischen von Ricarda Essrich und Franziska Hüther, Heyne Verlag, München 2026, 400 Seiten, €17,00, 978-3-453-44394-5
„So viel zum Thema am Boden zerstört, dachte Vega. Was für ein merkwürdiges Leben manche Leute führten. Sie selbst hätte eine solche Ehe nie gewollt. Nicht weil sie prüde war, wirklich nicht, aber warum heiraten, wenn man sexuell vollkommen frei sein wollte? Das erschloss sich ihr nicht.“
Seit fünfunddreißig Jahren arbeitet Vega Varg in Strömstad bei der Polizei. Fast alle in ihrer Familie sind oder waren im Polizeidienst tätig, ihr Vater, ihr getöteter Mann Peter und ihre erwachsenen Söhne Hugo und Linus. Nur ihre neunzehnjährige Tochter Moa, ein Nachkömmling, und Vegas Schwester Malin schweren aus. Sogar Vegas bester Freund Leopold Posse geht einer Ermittlertätigkeit allerdings in Oslo nach. Um auszuspannen, hält sich Vega gern auf der Insel Koster auf. Am Ende des aufwühlenden Geschehens auf Koster werden einige offene, schmerzliche Fragen geklärt sein, aber Vegas Familie steht vor großen Problemen und ihre Freundschaft zu ihrem langjährigen Freund Leopold wird abrupt enden.
Denn Åsa Hellberg bürdet ihrer Hauptfigur, der einundsechzigjährigen Vega Varg, gleich mehrere Fälle auf. Zum einen wurde auf der Insel Koster, hier hat Vega ein Ferienhäuschen geerbt, Fredde Skog, ein ehemaliger Freund von Linus und Hugo, getötet. Im Laufe der Handlung stellt sich heraus, dass Moa mit Fredde ein Liebesverhältnis hatte und sogar schwanger ist. Freddes Vater Rolf ist ein aggressiver Alkoholiker und da sich seine Frau das Leben nahm, war der Sohn dem Vater ausgeliefert. Fredde hat sich oft bei Vega aufgehalten, ein weiterer Grund, weshalb Rolf die Familie Varg hasst. Weiterhin unterstellte er Vegas Mann, dass dieser angeblich ein Verhältnis mit seiner Frau hatte. In Rückblicken erinnert sich Vega an die Zeit als ihr Mann Peter noch lebte und Fredde oft zu Besuch war. Als Peter dann jedoch durch einen Pistolenschuss in der Nähe des Spielplatzes, wohin er die Jungen gebracht hatte, getötet wurde, verdächtigte Vega sofort Rolf.
Zeitlich versetzt schauen die Lesenden nun in die Tage vor Freddes Ermordung zurück, verfolgen die Ermittlungsarbeiten der Polizei in der gegenwärtigen Handlung und lernen die Konflikte der vier Mitarbeiter einer gutgehenden Immobilienagentur kennen, da diese auf einem Kanuausflug die Leiche von Fredde gefunden haben. Seltsam ist, dass die Maklerin Meja Krons, die Ehefrau des bekannten konservativen Politikers Johnny Krons in einer Sturmnacht plötzlich verschwindet und kurze Zeit später die Maklerin Bente Arnesen brutal geschlagen wird und später im Krankenhaus verstirbt. Beide hatten Kontakt zu Fredde, der in ihrem Hotel als Barkeeper arbeitete.
Die attraktive Meja hat sogar mit ihm geschlafen und zeitgleich hatte sie mit dem Makler Måns Frölander ein Verhältnis.
Elsa, Måns‘ Ehefrau, hält sich ebenfalls auf Koster auf, um ihren Mann zu beobachten. Sie weiß um die unterschiedlichen sexuellen Verhältnisse der Mitarbeiter in der Agentur. Alle verdienen extrem viel Geld, koksen, konsumieren Alkohol, leben auf großem Fuß und betrügen ihre Partner. Einerseits genießen Meja und Måns die exzessiven Sexspielchen und planen aus ihren Ehen auszubrechen, andererseits quälen sich die Partner oder Partnerinnen oder akzeptieren den außerehelichen Sex, um eigenen Vorlieben nachzugehen, wie z.B. Mejas Ehemann, der nach außen hin den konservativen Politiker mit entsprechenden Ansichten über Minderheiten gibt und selbst völlig anders handelt.
Parallel zu dem Geschehen auf Koster erfahren die Lesenden, dass der Mörder des Polizisten Peter nie gefunden wurde, aber Vega entdeckte, dass ihr doch sehr geizige Mann, der offenbar spielsüchtig war, alle Konten abgeräumt hatte.
Wie Åsa Hellberg alle Handlungsstränge dann kurz vor dem Ende des Romans in Windeseile zusammenführt und Vega letztendlich die Schuldigen für beide Mordfälle und auch den ihres Mannes finden wird, was sich als äußerst schmerzlich herausstellt, liest sich absolut spannend.
Vielleicht hätte der Mittelteil mehr Dramatik gebraucht, und doch fesselt die schwedische Autorin die Lesenden durch ihre herb gezeichnete, etwas füllige Ermittlerin mit Lebenserfahrung, die nicht aalglatt ist, sondern eine sich sorgende Mutter, egal wie alt die Kinder sind und eine gute Polizistin.