Marceau Miller: Das letzte Buch von Marceau Miller, Aus dem Französischen von Thomas Brovot, Insel Verlag, Berlin 2026, 349 Seiten, €25,00, 978-3-458-64589-4

„Alle meine Bücher, die in den Buchhandlungen ausliegen, weisen etwas auf, was geeignet ist, die Wahrheit zu enthüllen. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht. Und je zahlreicher die Exemplare meiner Romane in den Regalen standen, desto größer das Risiko, dass jemand die Hinweise findet, desto erträglicher die Situation für mich.“

Sie scheinen ein finanziell entspanntes Leben in einer traumhaft malerischen Landschaft am Genfer See im Grenzgebiet zwischen Frankreich und der Schweiz zu führen, die befreundeten Paare, Marceau Miller und seine Frau Sarah, Rollin und seine Frau Karen und Alexis. Jedes Jahr feiern sie im Chalet des erfolgreichen Autors Marceau Miller das Erscheinen eines seiner neuen Bücher. Anwesend ist auch Millers Verleger und alles könnte wunderbar sein, wären da nicht die Geschehnisse am folgenden Tag. Marceau Miller, der hier angeblich seine eigene Geschichte offenbart, lässt Sarah und Karen aus ihren Perspektiven erzählen und die Lesenden gewinnen einen Einblick in ein Manuskript, dass der Autor über Jahre heimlich verfasst hat.
Der vierzigjährige Marceau Miller, der ohne Seile und Sicherungen ein begeisterter, wie erfahrener Kletterer ist, stürzt bei einer seiner Touren ab. Seine Frau Sarah kann sich nicht damit abfinden, dass der arrogante Hauptmann Delmas den Sturz von der Felsmauer sofort als Unfall einstuft. Denn wie kann es sein, dass Marceau eine Wunde an der Stirn hat und auf dem Rücken liegend gefunden wurde. Hilfe sucht Sarah, die nun ihren Bootsverleih, den sie gemeinsam mit Karen führt, vernachlässigt, bei Yves Reynaud, einem pensionierten Gendarmen. Er hat vor gut zwanzig Jahren ohne Erfolg nach Jade, der vermissten Schwester von Marceau gesucht. Jades Verschwinden während einer Wanderung im Wald liegt wie ein Schatten auf der Freundschaft der Protagonisten. Aber nicht nur Jades Schicksal beunruhigt Marceau, auch der frühe Tod seines Vaters, der zehn Jahre zuvor mit seinem Flugzeug einer Savage Bobber über dem See abgestürzt ist, beschäftigt ihn noch immer. Als Sarah dann jedoch einen Brief von Marceau von einer ihr unbekannten Bank erhält, der auch an Rollin und Alexis geschickt wurde, reißen alle Wunden wieder auf. Sarah, die sich in ihrer Trauer um ihren Mann, in eine unberechenbare, aggressive Furie verwandelt hat, stürmt in Begleitung der Freunde in die Bank, um in einem Schließfach nicht nur eine riesige Summe Geld zu entdecken, sondern auch das Manuskript zu finden, von dem ihr Mann in dem Brief gesprochen hat. Dieses Manuskript soll wie eine „posthume Bombe“ all die Geheimnisse und Lügen enthüllen, die Marceau belastet haben und die er über Jahre durch das Schreiben versucht hat zu verarbeiten. Allerdings ist kein Manuskript zu finden, nur die Lesenden kommen im Voraus in den Genuss, Auszüge zu lesen, um Hintergründe des Freundeskreises zu verstehen.
Nach und nach zeigen sich aber auch bei den Freunden Schattenseiten, die Sarah über die Jahre eher ignoriert hat oder nicht sehen wollte. So hat Karen mit Marceau heimliche Tauchausflüge unternommen, und die Geschäfte des unzuverlässigen Rollin scheinen nicht so gut zu laufen. Die Konflikte zwischen den Freunden, die einander nicht mehr vertrauen, nehmen zu und die Suche nach dem Manuskript wird für Sarah zur Existenzfrage, wobei sie sogar ihre Kinder Benjamin und Hermione vernachlässigt. Außerdem hat sie inzwischen dafür gesorgt, dass Delmas auf Drängen der Presse endlich beginnt, den Absturz von Marceau genauer zu untersuchen, um endlich mit den Ermittlungen zu beginnen.
Immer undurchsichtiger agieren alle Figuren in diesem Roman, in dem es nicht nur um den Mord an Marceau geht, sondern auch um Verrat und Drogenhandel vor der Fassade einer intakten bürgerlichen Gesellschaft, die so vieles zu verbergen hat.

Sehr empfehlenswert!