Helena Falke: Noch fünf Tage, Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 302 Seiten, €20,00, 978-3-518-47538-6

„Nicht ich bin der Beifang. Es sind die Harmans.“

Die Reichen und Schönen können sich ungeahnten Luxus leisten, große Villen an den imposantesten Orten der Welt, Jachten, eine exzellente Bildung, Reisen, Macht, Personal für alles, eine gesunde wie exquisite Ernährung und vor allem eine Spitzenköchin. Bei der superreichen Unternehmerfamilie Harman, die in Chicago ihren Hauptwohnsitz hat, ist das Liselotte Castrop. Die Vierundfünzigjährige hatte vorher als Souchefin in einem angesagten Londoner Restaurant namens „Catch“, dass vom Inhaber Quirin entworfen und von ihm auf hohe künstlerische Weise geführt wird, gearbeitet. Doch nach einem Vorfall, bei dem ein Gast beinahe zu Tode gekommen wäre, wird sie entlassen, wobei Lis als Bauernopfer für einen eklatanten Fehler ihres Chefs herhalten musste. Durch die generöse Empfehlung Quirins konnte Lis dann ihre Stellung bei den Harmans antreten. Ein Vorteil bei der Arbeit war, dass Lis als alleinerziehende Mutter sich zeitlich entspannter um ihre Tochter Cosima kümmern konnte. Nach sieben Jahren, die Lis bei den Harmans vieles gemanagt und gekocht hat, geschieht dann eine völlig unvorhersehbare Tat. Beim Silvesteressen in ihrem Chalet in Davos, John Harman sollte auf dem Wirtschaftsgipfel eine Rede halten, wird die gesamte Familie, Ehefrau Reeta und die Kinder Calliope und Percy, durch das Gift Polonium-210 getötet.
Helena Falkes Hauptfigur Lis, ebenfalls infiziert, erzählt nun aus der Ich-Perspektive von ihren fünf letzten Tagen bis zum bitteren Tod. Lis ist gleichzeitig Mordopfer, Zeugin und für die Polizei die Täterin, was dazu führt, dass sie ihre Tochter Cosima nicht sehen darf.
Immer mit dem nervösen Blick auf die Uhr beschuldigt Lis den Bruder von John, Damon, der nun als Alleinerbe des Fastfood-Imperiums der Harmons mit seinem Partner Stuey, dem Erzieher der Kinder, zu großem Reichtum gelangt. Lis hofft, dass Damon und Stuey nichts mit diesem Anschlag zu tun haben und ihre hoch bezahlten Anwälte sie schützen, zumal die beiden Männer die dreizehnjährige Cosima adoptieren möchten. Cosimas leiblicher Vater hat sich als Alkoholiker zwar in Therapie gegeben, scheint aber nicht willens zu sein, Verantwortung zu übernehmen. Nachdem Lis ihre Tochter in die Arme schließen kann, reift in ihr der Plan, auf eigene Faust und mit Hilfe ihrer taffen Palliativschwester Esme nach dem Mörder zu suchen. In Rückblenden versucht sich Lis, an ihre Zeit bei den Harmons mit all ihren privaten wie beruflichen Kontakten zu erinnern, um ein schlüssiges Motiv für diese grausige Tat, bei der gnadenlos Menschenleben ausgelöscht wurden, zu finden.
Als emotionales Zentrum umkreist Lis die Familienmitglieder, für die das Beste nie gut genug war. Sie sorgte mit ihrem Wissen rund um auserwählte Zutaten und individuelle Vorlieben für das Wohlergehen der Harmons, zumal Calliope in ihrer pubertären Phase ihre Umwelt immer mehr mit ihren Neurosen und Phobien drangsalierte.
Im Hintergrund, immerhin ist Lis nur eine Angestellte, der Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn man sie benötigt, beobachtete sie natürlich vieles, was im Haus zwischen den Familienmitgliedern und den Geschäftspartnern und John Harmons vor sich ging. Sie weiß im Gegensatz zu Johns Ehefrau Reeta, was wirklich guter Geschmack ist und wie man sich mit teuren Marken geschmackvoll und passend kleidet. Reeta jedoch kann Lis Überlegenheit kaum ertragen und weist sie nach einem Ausflug mit ihren hochkarätigen Freundinnen auf demütigende Weise auf ihren Platz als Angestellte zurück.
Was Lis kaum ertragen kann, ist das Essen im Krankenhaus. Als der egozentrische Quirin sich dann anbietet, für sie zu kochen, ändert sich Lis‘ Blick auf die vergangenen Geschehnisse.
Lis wird sich am Ende von allem verabschieden müssen, doch ihren Mörder, der auch ihre Tochter bedroht, wird sie richten.
Berührend, bedrückend, absolut spannend und hochemotional!