Rachel Joyce: Sommerhaus, Aus dem Englischen von Karl–Heinz Ebnet, Thiele Verlag, Wien 2026, 478 Seiten, €26,00, 978-3-85179-622-3
„Jener Sommer hatte sie alle so endgültig aus ihrem alten Leben gerissen, dass es sich anfühlte, als wäre jeder von ihnen seither zu einem ganz anderen Menschen geworden. Eine Versöhnung war nicht mehr möglich.“
Der kommerziell erfolgreiche, extrem egozentrische Autodidakt Vic Kemp hat sich immer an den großen Malern orientiert, aber im seriösen Kunstmarkt nie Fuß fassen können. Trotzdem ist er mit seinen Bildern, die offenbar einen leichten pornografischen Anstrich haben, reich geworden. Sein Londoner Agent Harry jedenfalls macht gut Kasse. Doch nun kurz vor dem achtzigsten Geburtstag will es Vic der arroganten Künstlerwelt endlich zeigen und sein Meisterwerk erschaffen. Inspiriert hat ihn wohl Bella-Mae Gonzales. Die siebenundzwanzigjährige, angebliche Künstlerin krempelt sein Leben völlig um. Er, der ohne Alkohol den Tag nicht durchstehen konnte, trinkt nur noch ekligen Tee und beginnt damit, Gewicht zu verlieren. Er, der nie der Wahrheit verpflichtet war und jede Nanny seiner Kinder flachgelegt hat, lebt monogam. Eigentlich sind Vics Kinder daran gewöhnt, dass ihr Vater nie Verabredungen einhält und sich auf ihre Hilfe blind verlässt. Doch nun lädt er sie zu einem Treffen ein, bei dem er sogar erscheint und verkündet, dass er Bella-Mae, seinen Jungbrunnen, heiraten wird. Seltsamerweise legt die junge Frau keinen Wert darauf, die Kinder ihres künftigen Mannes kennenzulernen, was alle zu wilden Spekulationen anregt. Netta war sieben Jahre alt, als Vics Frau Martha verstarb. Die heute geschiedene Vierzigjährige arbeitet als angesehene Anwältin und dominiert als älteste Tochter ihre Geschwister Susan, Goose und Iris. Susan ist nicht glücklich verheiratet, Goose arbeitet als verkappter Künstler für den Vater und Iris kellnert, und weiß nichts mit ihrem Leben anzufangen. Durch das verantwortungslose Verhalten ihres Vaters, der sich kaum um sie gekümmert hat, herrscht zwischen den Geschwistern ein enger, aber auch konfliktreicher Zusammenhalt, einer Zwangsgemeinschaft gleich, die nur um das Wohlergehen von Vic kreist. Und die Kinder konkurrieren um die Liebe des Patriarchen, zumal er nur Iris als wunderschönes Kleinkind gemalt hat. Bella-Mae drängt sich nun in diese Familienkonstellation. Sie lässt die Schlösser der Wohnung austauschen, so dass Iris die Wohnung ihres Vaters nicht mehr reinigen kann. Sie übernimmt Goose‘ Platz im Atelier und erklärt sich zur neuen Agentin von Vic. Als dieser dann den Kindern per Textnachricht mitteilt, dass er sich in der Villa Charlotta, im leicht heruntergekommenen Sommerhaus der Familie, auf der winzigen Insel im italienischen Ortasee aufhält und seine junge Geliebte geheiratet hat, geraten die Geschwister in helle Aufregung. Diese wird noch getoppt, als die Mitteilung die Geschwister erreicht, dass der Vater in seinem geliebten See ertrunken ist.
Rachel Joyce schreibt äußerst süffig und atmosphärisch dicht über diese dysfunktionale Familie und sie facht das Interesse der Lesenden durch vorausschauende Ankündigungen an, die einfach neugierig darauf machen, was wohl im Laufe der ereignisreichen Handlung noch geschehen könnte. Erst Susan, dann Netta, Goose und Iris reisen auf die Insel Isola San Giulio und lernen die geheimnisumwitterte, nach außen hin so empfindsame Bella-Mae und ihren ominösen Cousin Laszlo kennen. Alles was Bella-Mae veranstaltet ist widersprüchlich. Sie trauert maßlos und behauptet, niemals in die Villa zurückkehren zu können. Doch dann quartiert sie sich wieder ins beste Zimmer der Villa ein und verweist die Geschwister auf ihre Plätze, denn es existiert offensichtlich kein Testament. Hektisch suchen alle nach dem Meisterwerk des Vaters.
„Bella-Mae beobachtete alles schweigend, mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht, wie jemand, der plötzlich den Sender gewechselt und ein Programm gefunden hatte, das unerwartet unterhaltsam war.“
Schafft es Bella-Mae mit ihrem Hintergrundwissen Susan, die ein Auge auf den attraktiven, jungen Laszlo geworfen hat, Goose und Iris offenbar psychologisch clever zu manipulieren, so bleibt Netta als einzige immun gegen die Beeinflussungen der jungen Stiefmutter. Netta zweifelt am natürlichen Tod des Vaters, der nach Befragungen ihrerseits im Ort wohl Angst vor seiner Frau hatte, und schaltet die Polizei ein.
Die Machtkämpfe um das Erbe beginnen und als Harry, Vics Agent anreist, kommen Geheimnisse ans Tageslicht, die alle verblüffen. Netta jedenfalls verliert ihren Status als Orientierungsperson in der Familie und tragisch ist mitanzusehen, wie die Geschwisterrivalitäten zum Bruch untereinander führen.
Empfehlenswert!