Simon Mason: Das kalte Herz von Oxford, Ein Fall für DI Wilkins, Aus dem Englischen von Sabine Roth, Goldmann Verlag, München 2026, 352 Seiten, €17,00, 978-3-442-49565-8
„Ein Pädophiler, sagte sie, interagiert die meiste Zeit über völlig normal mit anderen, Kollegen, sogar Freunden, die ihn keine Sekunde lang eines sexuellen Interesses an Kindern verdächtigen. Er kann ein geselliger Mensch sein, sympathisch, mit einer natürlichen Gabe, mit Kindern Blickkontakte herzustellen, ins Gespräch mit ihnen zu kommen, sogar Spiele mit ihnen zu spielen. Ray musste wieder an Poppys Lachen denken.“
Während die Polizeipsychologin Maisie Ndiaye sehr nüchtern die Personenbeschreibung des möglichen weißen Täters umkreist, sucht DI Ray Wilkins mit seinen Kollegen von der Thames Valley Police unter Zeitdruck die vierjährige Poppy Clarke. Hofften sie zu Beginn noch, dass der Kindesvater die Tochter aus Frust über das Kontaktverbot, das seine Ex-Frau beim Gericht durchdrücken konnte, entführt hat, so ahnen sie langsam, da kein Erpresserschreiben eingeht, dass das Mädchen ermordet wurde. Die Nachricht vom Tod des Kindes zerreißt den Eltern das Herz. Auch der smarte Ermittler Ray Wilkins kann diese grausame Tat nur schwer verkraften, zumal seine kränkliche, wütende Frau hochschwanger mit Zwillingen ist und beider Verhältnis sich immer mehr verschlechtert. Ray weiß, dass er bei diesem Fall rund um die Uhr arbeiten muss und kaum Zeit für sie und die ständigen, nervigen Auseinandersetzungen über Anschaffungen, Kindererziehung und Elternzeit haben wird. Außerdem sitzt ihm sein neuer Chef, Superintendent Dave Wallace, mit dessen prolliger und blaffender Art Befehle zu erteilen, er so gar nicht klarkommt, im Nacken.
Wallace hat sich die Akten vom unehrenhaft entlassenen, aber blitzgescheiten Ryan Wilkins (Im ersten Band haben die beiden sehr unterschiedlichen Ermittler mit gleichem Nachnamen mit so einigen Problemen zusammengearbeitet.) holen lassen. Ryan arbeitet als Nachtwächter für einen Fuhrpark und hadert mit seinem Rausschmiss bei der Polizei. Wenn er sein Antiaggressionstraining absolvieren und sich auf seiner Arbeitsstelle vorbildlich verhalten würde, gäbe es vielleicht eine Chance für eine Rückkehr. Aber Ryan kann sich nie an Vorschriften oder Regeln halten, rastet zu schnell aus, wenn ihm etwas nicht passt, ist weder zuverlässig noch pünktlich bei der Arbeit und flucht ordinär, auch wenn sein dreijähriger Sohn, Ryan junior, ihn immer wieder ermahnt. Doch Ryan ist eigentlich ein guter Kerl und ein exzellenter Beobachter, der sich nicht so schnell mit Erklärungen abspeisen lässt. Als er Mick Dick, seinen alten, gutmütigen Kumpel aus Jugendzeiten, im Fuhrpark nachts erwischt, ahnt er schnell, dass dieser völlig verunsichert ist und irgendein linkes Ding am Laufen hat. Ryan liefert Mick nicht der Polizei aus und kann nicht fassen, dass Mick nur kurze Zeit später totgefahren wird. Bei den Sachen des Toten findet die Polizei rote und schwarze Bänder, die der kleinen Poppy, die sich als Piratin verkleidet hatte, gehörten. DI Ray Wilkins vermutet, dass Poppy ihren Mörder gekannt haben muss. Poppys Mutter hatte nur ein paar Minuten mit der Erzieherin in der Kita geplaudert, als ihre Tochter wie vom Erdboden verschwunden ist. Da Ryan nicht glauben kann, dass der gutmütige Mick irgendetwas mit dem Kindsmord zu tun hat und auch nicht verunglückt ist, beginnt er entgegen seiner Auflagen von Wallace mit eigenen Recherchen. Und natürlich laufen sich nun die beiden Wilkins, die nicht unterschiedlicher sein könnten, über den Weg, denn Ryan liefert nach und nach brauchbare Informationen aus Micks Umfeld. Zum einen ist da der Einzelgänger Shane Cobb, der als Gärtner in der Kita gearbeitet hat und zum anderen der Geschäftsmann Tom Fothergill, der als wohlhabender, wie aalglatter Unternehmer den Kindergarten in bester Lage in Oxford finanziert. Möglicherweise interessiert er sich aus diesem Grund so sehr für den Fall, denn er nimmt immer wieder Kontakt zu DI Ray Wilkins auf. Als Mentor unterstützt er aber auch Männer, die im Gefängnis saßen. Zu seinen Schützlingen gehörte Mick, aber auch Shane Cobb, den die Ermittler immer mehr ins Visier nehmen und letztendlich hoffen, den Mörder der kleinen Poppy gefunden zu haben.
Doch weit gefehlt, den alle, auch Cobb, der wahrscheinlich im Untersuchungsgefängnis umgebracht wurde, haben für den fraglichen Zeitpunkt der grausigen Tat ein Alibi. DI Ray Wilkins ist am Rande seiner Kräfte, da er auch während der Ermittlungen Niederlagen hinnehmen muss.
Simon Masons fiktive Handlung, die sich um den Missbrauch und die Ermordung eines kleinen Mädchens dreht, ist nichts für empfindsame Leser und Leserinnen. Zwar liefern sich die beiden Wilkins wieder einige Wortgefechte, doch dreht sich eigentlich alles sehr ernsthaft um die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen. Sogar der ruppige Ryan kommt an einer Stelle ins Grübeln, wenn er darüber nachdenkt, wie sein Sohn ihn wohl später einmal sehen würde, und was er als guter Vater alles für seinen Sohn abseits vom Gesetz tun würde.
Nicht so amüsant wie der erste Band der DI Wilkins – Reihe, trotzdem empfehlenswert!