Vincent Tal: Tainted Love, Verlag Pfaueninsel bei Bastei Lübbe, 224 Seiten, €22,00, 978-3-69131-010-8

„Sie dachte an die Nacht beim Spielplatz, und der Gedanke an Eva, den sie die meiste Zeit erfolgreich in einem der hinteren Bereiche ihres Kopfes eingesperrt hielt, sprang sie an wie ein wildes Tier.“

Als Setting für den ersten Krimi in einer neuen Reihe hat sich Vincent Tal ein Idyll im toten Winkel ausgesucht, eine Märchenlandschaft mit Zonenrandförderung und Waldsterben in Nordhessen im Jahr 1986. Hier lebt der sympathische Martin Ritter, der in der Stadtbibliothek von Bad Sooden arbeitet, in einem Häuschen. Der Zweiundvierzigjährige kann sehr gut von seinem Erbe leben und liebt es, im Wald zu fotografieren. Er trifft sich mit Walter, seinem Freund, dem Geschichtslehrer, und beide kehren bei Ecki ein und klönen bis in die Nacht. Noch hängt die Jugend nicht am Smartphone und Jungsgruppen rasen mit ihren Rädern durch die Landschaft und borgen sich bei Martin immer wieder Streichhölzer aus. Immerhin kann sich Martin an seine Kinderzeit erinnern und er vertraut den Jungen, dass sie vielleicht ein bisschen kokeln, aber aufpassen. Liiert ist Martin mit Christine Lehmann, einer sehr neugierigen Journalistin, die in Witzenhausen einer Zweigstelle für die HNA Artikel schreibt. Es ist Sommer und Christine sucht händeringend nach Ideen. Kennengelernt haben sich die beiden unter tragischen Umständen im Jahr 1982. Beide beteiligten sich an der Suche nach einem verschwundenen Mädchen. Eva hat sich immer gern versteckt, aber während einer Geburtstagsfeier im Wald bei Sooden verschwand sie dann wirklich.
Vincent Tal konzentriert sich in seiner gemächlichen Handlung auf die atmosphärisch genaue Beschreibung der Orte, der Natur in der Grenzregion, aber auch auf die politische Lage und die Lebenssituation seiner Hauptfiguren Martin und Christine. Sie schreibt ihrem Liebsten Postkarten und würde gern mit Martin zusammenleben und eine Familie gründen, aber er braucht offenbar Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen.
Als dann durch die Dürre ein teurer Sportwagen, der offenbar über zwanzig Jahre im Wasser am Alten Hain lag, auftaucht, hat Christine endlich ihre Geschichte, über die sie unbedingt schreiben will. Spektakulär ist, dass der Mercedes einem reichen, holländischen Immobilienhai und seiner Frau gehörte. Amike van der Veer wurde als vermisst gemeldet und ihr Mann hat sich zwei Jahre später erschossen. Fast unabhängig voneinander beginnen nun Martin, der Urlaub hat, und Christine zu recherchieren. Und da Martin auch Zeit für Hausbesichtigungen hat, entdeckt er für sich und Christine auch ohne Birnenbaum das mögliche gemeinsame Zuhause. Als Christine jedoch in einem Versteck dort ein gefährliches Nervengift entdeckt, fragen sich beide, wozu die verstorbene einstige Hausbesitzerin dieses nutzte, sicher nicht um Maulwürfe zu töten. Und dann ist da noch dieser radikale Gegner von Fahrradwegen, die von der Stadt angelegt werden sollen.
Vincent Tal verknüpft unaufgeregt nicht nur einen Vermisstenfall mit anderen Mordfällen, verzichtet auf die ermüdende langatmige Polizeiarbeit und die Standardfragen von Ermittlern. Etwas Melancholie schwingt in diesem sprachlich wunderbaren Roman mit, bedingt auch durch den Buchtitel: eine verlorene Liebe. Für seinen zweiten Band hat er Handlungsstränge offen gelassen, u.a. Martins Suche nach seinem Vater.
Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein, zumal seine beiden Hauptfiguren nun wirklich eine Familie gründen und da sind die Konflikte ja schon angelegt.