Till Rather: Meeresdunkel, Rowohlt Verlag, Polaris, Hamburg 2026, 410 Seiten, €18,00, 978-3-490-01719-3
„Wenn man ein Kind ist, muss man die Erwachsenen verstehen lernen, egal, wie wahnsinnig sie sind. Weil man von ihnen abhängig ist. Weil es nichts gibt ohne Erwachsene.“
Ein Ferienhaus mit großem verwilderten Garten auf Mallorca in Santanyí nah der Küste im Herbst fernab der Touristenmeuten zu mieten, ist eine große Verlockung. Zum einen ist es äußerst preiswert, da sein Zustand ohne WLAN und Pool kurz vor einer Renovierung nicht der beste ist, zum anderen liegt den Mietern das Meer zu Füßen. Zwei Familien aus Hamburg schlagen für eine Woche zu und ahnen nichts von der Doppelbuchung. Vor Ort wird dann deutlich, dass sich aufgrund der Ferien kaum ein Ausweichquartier finden lässt. Irgendwie müssen sich alle arrangieren, zumal das Haus groß genug ist. Allerdings ist das Dachgeschoss kaum nutzbar, da es hindurch regnet. Die Betten und Decken sind klamm und es riecht im Haus, als sei hier ein Tier gestorben. Zu diesen anfänglichen Schwierigkeiten gesellen sich in den beiden Familien allzu viele Stressmomente. Henrike und Hans wie Marie und Samuel plagen sich in ihren Ehen mit wachsender Distanz, gegenseitigen Vorwürfen unterdrückten Animositäten und fehlender Kommunikation. Die Kinder der Familien hingegen kommen erstaunlich gut miteinander aus. Die vierzehnjährigen Zwillinge schwer in der Pubertät zeigen sich erstaunlich tolerant gegenüber dem achtjährigen, neunmalklugen Juri, Sohn von Marie und Samuel, der mit seiner Babypuppe Hedwig redet wie mit einer erwachsenen Person.
Till Raether lässt ihn, aber auch Samuel und Henrike aus der personalen Erzählperspektive berichten. Ausgleichend zwischen den Paaren agiert Henrikes jüngerer Bruder Freddy, der alle bekocht, sich auch um die Kinder kümmert und nach einer Scheidung mit seinen eigenen Kindheitstraumata kämpft. Versuchen Samuel, Marie, Henrike und Freddy gut miteinander auszukommen, so kapselt sich Hans mit seiner schlechten Laune permanent ab. Allerdings ist er es dann, dem es gelingt einer verrückten, alten Frau, die auf dem Gelände den Kindern Angst macht, die Babypuppe abzunehmen, die sie für „Henk“ hält. Doch dann schlägt das Wetter um, ein Sturm bricht aus und nach einem gefährlichen Ausflug auf dem Meer, wobei einiges hätte schiefgehen können, entdecken die Urlauber nach ihrer Rückkehr ins Ferienhaus, dass Freddy offenbar überfallen wurde und kurze Zeit später stirbt. Durch das Unwetter gelangt keine Hilfe zum abseits stehenden Haus.
Parallel zur gegenwärtigen Handlung erzählt Till Raether von einer Liebesgeschichte zwischen zwei sechzehnjährigen Jugendlichen im Jahr 1995. Der Reichstag wurde verhüllt und entgegen aller Skepsis der Berliner, führt gerade diese Performance in der Stadt zu einer besonderen Atmosphäre. Auch Effi und Henk spüren das, doch ihre Begegnung endet mit einer Enttäuschung.
Was nun diese erste Liebe mit dem Tod von Freddy und den beiden Familien gut dreißig Jahre später zu tun hat, daraus konstruiert Till Raether einen äußerst spannenden Thriller, an dessen Ende deutlich wird, dass es durchaus kein Versehen war, dass beide Familien in der Casa de la Vora zusammentreffen, Familiengeheimnisse sich offenbaren und vielleicht aufgestaute Konflikte in den Ehen endlich zu Tage treten.
Empfehlenswert!