Christoffer Carlsen: Hinter dem Nebel, Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann, Rowohlt Verlag, Kindler, 460 Seiten, €25,00, 978-3-463-00082-4

„Der wahre Bund war geheim, aber er galt weder Didrik Wollmer noch Maja Mårsell. Das tiefste Bündnis hatte sie bereits vor langer Zeit geschlossen. Ein Bündnis mit sich selbst, mit einer jungen Frau, die ihr Lebensziel festgesteckt hatte und bereit war, jeden Preis zu zahlen, um es zu erreichen.“

Als ein namenloser Schriftsteller mit seiner Schreibblockade hadert, wird er von einem ehemaligen guten Bekannten, dem vierundsechzigjährigen Johan Oskarsson, einem impulsiven wie unberechenbaren Autor, kontaktiert. Allerdings hatten sich beide aus den Augen verloren und längst lebte der namenlose Ich-Erzähler nicht mehr in Stockholm, sondern in Halmstad. Oskarsson wusste dies offenbar, denn er hatte sich in einer Pension in der Nähe einquartiert. Als der namenlose Schriftsteller ihn aufsucht, muss er eine erschütternde Entdeckung machen. Oskarsson hatte sich im Speisesaal der Pension erhängt. Auf seinem Laptop findet sich kein Abschiedsbrief, sondern nur ein einziger Satz: „Es kommt immer ein Sommer.“ Dieser Satz ist der letzte im Debütroman der sehr bekannten Autorin Ingrid Klinga, dessen Biografie Oskarsson auf ihre Bitte hin schreiben sollte.
Der namenlose Erzähler glaubt nicht, dass Oskarsson Suizid begangen hat. Und er fragt sich gemeinsam mit seinem alten Bekannten, dem Polizisten Vidar Jörgensson, wohin Oskarsson von Stockholm nach Halland noch gefahren ist.
Christoffer Carlsson spielt mit den Lesenden, schreibt sich am Ende sogar selbst in seinen Roman hinein und verschiebt zeitlich versetzt die Perspektiven. Der namenlose Schriftsteller und Oskarsson hatten sich am Beginn ihrer schriftstellerischen Karrieren kennengelernt und Oskarsson hatte ihn auf die Autorin Ingrid Klinga aufmerksam gemacht. Beide verbindet aber auch eine dunkle Geschichte, in der es um Verrat und Betrug geht. Zum anderen dreht sich die Geschichte um Ingrid Klinga und ihren Aufstieg von der einfachen Bauerntochter zur gefeierten Buchautorin. Und es geht um unaufgeklärte Selbstmorde, in die der Geheimdienst verwickelt sein könnte, aber auch einen Mord Ende der 1950er Jahre. Immer wieder versorgt Christoffer Carlsson seine Lesenden mit Vorinformationen, die sie allerdings erst im Laufe der verschachtelten Handlung einordnen können. Ingrid Klinga jedenfalls, eine junge, attraktive Frau mit grünen Augen, wird mit Hilfe ihrer verehrten Lehrerin Maja Mårsell an der Universität in Uppsala angenommen. Schnell findet sie eine WG und schnell ist sie in einer Studierendengruppe integriert, deren Diskussionsthema, Schwedens mögliches Kernwaffenprogramm, sie nicht unbedingt interessiert. Doch die Geheimdienste würden zu gern genauer hören, welche Ansichten die Studierenden, einer von ihnen wird im Verteidigungsministerium tätig werden, miteinander austauschen. Und Ingrid lässt sich anwerben, und schreibt ihren Kontaktpersonen und dem DDR – Führungsoffizier von der Staatssicherheit der DDR, Didrik Wollmer und Thomas Bauer, sprachlich ausgezeichnete Berichte über die Aktivitäten ihrer Mitstudenten. Mit einem ist sie sogar liiert, aber verliebt ist sie in Didrik Wollmer und wird schwanger. Im Jahr 1958 jedoch wird eine Leiche aus dem Ekoln gezogen, bei der die Ausweispapiere von Dikrik gefunden werden. In vielen detailliert ausgearbeiteten Szenen verbindet Christopher Carlsson die Lebenswege seiner unterschiedlichen Figuren bis in die Gegenwart. Der namenlose Schriftsteller möchte die Biografie von Ingrid Klinga nun zu Ende schreiben und erkennt, dass diese Frau mehr als nur ein Geheimnis hat und vielleicht hat sie auch ein Manuskript über ihre Zeit bei den Geheimdiensten verfasst, dem Johan Oskarsson auf der Spur war.
Verdankt Ingrid Klinga ihrer subversiven Tätigkeit beim Geheimdienst ihre schriftstellerische Karriere? Warum hat sie sich nie für ihren Sohn interessiert, obwohl er ihre Biografie schreiben soll? Was hat sie alles getan und aufgegeben, um zurückgekehrt auf den Hof der Eltern, schreiben zu können?

„Damit eine Wahrheit funktioniert, heißt es bei Ingrid Klingas Debütroman, muss sie sehr gut konstruiert sein.“

Christoffer Carlsen hat einen fein komponierten, ungewöhnlichen Kriminalroman über ambitionierte Autoren, unantastbare Geheimdienste, verzweifelte Ermittler und Verbrechen geschrieben, die allerdings nie aufgeklärt werden und vieles hinter dem Nebel verschwindet und nur Vermutungen bleiben.
Sprachlich wie immer brillant!