Annette Mingels: Evas Tochter, Penguin Verlag, München 2026, 240 Seiten, €24,00, 978-3-328-60480-8

„Sie war erschöpft. Dieses Zelt hatte von Anfang an etwas von einem Anschlag an sich gehabt, ausgeführt von einem Mädchen, dessen Hauptziel schon immer darin bestanden hatte, gegen alle zu rebellieren. Es hatte sie geärgert, wie es plötzlich dastand, an diesem unmöglichen Platz, mitten auf dem Bürgersteig, ein Vorwurf, der mutwillige Versuch zu stören.“

Die ehemalige Säuglingsschwester Hanne hatte die junge Frau, die da mitten im Villenviertel ihr Zelt aufgeschlagen hat, einst als Baby in den Armen gehalten. Viel zu früh kam Sophie von Clüver auf die Welt und von Anfang an, hat sie sich nie an die gesellschaftlichen Regeln ihrer wohlsituierten Familie gehalten. Und nun mit fünfundzwanzig Jahren stellt sie einfach ihr Zelt vor die riesige Villa, ihr Elternhaus und packt erneut den „Fehdehandschuh“ aus. Eva und Jacob von Clüver sind verreist, einen Schlüssel besitzt Sophie nicht mehr, denn das Zusammenleben mit den Eltern war nach Schulabbrüchen, Internatsjahren und Drogenexzessen nicht mehr möglich. Doch warum campiert Sophie, die von Beruf Floristin ist, vor dem Haus, wo die Eltern ihr doch eine Wohnung gekauft und eine Apanage zukommen lassen? Ihre Mutter Eva, gegen die Sophie immer rebelliert hat, wird nach der Reise nie auf die Tochter im Zelt zugehen. Ihr Vater besucht sie bei Hanne, denn bei ihr kommt sie, nachdem das Ordnungsamt ihr eine Frist zum Abbau des Zeltes gesetzt hat, im Garten und später im Herbst im Haus unter.
Annette Mingels blickt nun aus der personalen Perspektive in die Leben der jeweils verschiedenen Frauen, die Sophie kennen oder ihr begegnen. Da ist Greta Voss, eine Malerin, der die Kunstwelt ab ihrer ersten Einzelausstellung offen stand, bis sie drei Kinder bekam und ihr um Jahre älterer Mann sie darin bestärkte, doch lieber Mutter zu sein. Anfänglich erscheint ihr das auch einfacher, doch mit den Jahren wächst die Unzufriedenheit und die Gewissheit, wenn sie nicht bald wieder arbeitet, verliert sie den Anschluss. Sophies einst beste Schulfreundin war Wanda, ein intelligentes, wie ehrgeiziges Mädchen, das allein mit ihrer Mutter lebte. Allerdings beschränken sie alle, die sich an sie erinnern, Sophie auf ihre vollschlanke Figur. Gegen ihre Pfunde arbeitet Wanda nun als junge Frau mit ungeheurer Energie und Disziplin an. Sophie und Wanda hatten jedoch im Laufe der Jahre den Kontakt verloren, sehen sich aber nun wieder, denn Sophies Zelt steht auf Wandas Weg, den sie zum Joggen einschlägt. Beide erkennen in ihren Gesprächen, wie sehr sie sich doch ineinander getäuscht hatten. Wanda weiß, dass sie nicht anders sein wollte, so wie Sophie. Die reiche Tochter konnte es sich immer leisten, anders zu sein, Wanda musste es einfach nur ertragen.
Annette Mingels beschreibt mit vielen Bildern, einer gewissen Lakonie und hoher Detailtreue die innere Zerrissenheit ihrer Protagonistinnen. Welche Angst treibt Sophie als sie verlassen wird? Warum sucht sie ihren Kindheitsort auf, der sie vielleicht trösten soll? Alle Therapien, ob die von Sophie oder die von Eva haben zu keiner Lösung geführt. Greta wird wieder künstlerisch arbeiten und hinter die Geheimnisse ihres Mannes kommen.
Annette Mingels erzählt unaufgeregt und literarisch überzeugend wie schwierig es als Frau ist, sich in dieser Welt zurechtzufinden, und seinen Platz zu identifizieren. Ein anrührender Roman ist der Autorin gelungen, der ein wenig Melancholie, aber nie Trauer verbreitet. Das schafft sie auch, weil sie immer aus der Sicht der verschiedenen Frauen die Geschehnisse betrachtet und nicht nur von einer Seite. Ein literarischer Reigen, in dem Menschen und Geschichten ineinander verwoben werden und Hanne, Sophie, Eva und Greta sich am Ende auf schicksalhafte Weise begegnen werden.

Besprechungen zu Annette Mingels Romanen sind in diesem Literaturblog zu finden, u.a. auch diese:

Annette Mingels: Der letzte Liebende