Belle Burden: Fremde, Die Geschichte einer Ehe, Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer, Luchterhand Literaturverlag, München 2026, 304 Seiten, €24,00, 978-3-630-87873-7
„Wir würden zusammen alt werden, Enkelkinder bekommen und mehr und mehr Zeit in unserem Haus auf Martha’s Vineyard verbringen. Er würde die Fischadler beobachten, die Wege in Ordnung halten, die Bäume beschneiden, und abends würden wir zusammen auf der Veranda den Sonnenuntergang genießen, zufrieden mit dem Leben, das wir uns gemeinsam aufgebaut hatten.“
Ein romantisches Bild einer symbiotischen Beziehung und zugleich ein frommer Wunsch, den die Ich-Erzählerin Belle da formuliert, denn nichts von dem wird eintreten. Ihre Ehe mit dem smarten Hedgefonds – Manager James wird krachend enden und sie als einstige Anwältin, die für Mann und Kinder ihren Beruf aufgegeben hat, wird in die Röhre schauen. Aber keine Angst, ihr früh verstorbener Vater war ein Vanderbilt aus der Familie des Eisenbahn-Tycoons Cornelius Vanderbilt, ihre Großmutter Babe Paley, eine Society-Lady, die von Truman Capote als „die schönste Frau des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde. Zwar hielt die Ehe nicht und der Vater hinterließ einen Schuldenberg, aber niemand verarmte. Wer über gut gefüllte Trustfonds wie Belle und somit eine große Eigentumswohnung im Herzen Manhattans verfügt, ein Sommerhaus auf Martha’s Vineyard, die Insel vor der Küste von Massachusetts, bewohnt, den Schlüssel für einen Privatstrand kaufen kann, eine Mitgliedschaft in einem begehrten Tennisclub ergattert, Privatschulen für die Kinder finanzieren kann und somit keine Existenzängste kennt, kann sicher nicht behaupten, dass sein Schicksal in irgendeiner Weise mit der Mehrheit der Lesenden übereinstimmt. Jammern auf höchstem Niveau? Ja, sicher, aber geschenkt.
Die autofiktionale Erzählung der fünfzigjährigen Belle Burden zieht die Lesenden von Anfang an in diese völlig rätselhafte Ehegeschichte hinein, denn eines hat die introvertierte wie naive Ich-Erzählerin jedenfalls mit vielen Frauen gemein, und das ist dusselige Vertrauensseligkeit in der für sie so bequemen Ehe. Sicher auch eine Warnung an die berühmten Tradewifes in Social Media Kanälen.
„Aber er kam mir keinen Schritt entgegen. Es war, als hätte jemand eine Wand zwischen uns hochgezogen – auf der einen Seite ich, verzweifelt um sich schlagend, auf der anderen Seite er, kalt wie ein Eisklotz.“
Dass nach einundzwanzig Jahren Eheleben die Bäume nicht mehr voller Geigen hängen, ist normal. Die Tatsache allerdings, dass Ehemann James in der Pandemie, die Familie verbringt die Zeit selbstverständlich und harmonisch auf der Insel, seiner Frau kurzerhand mitteilt, dass er die Scheidung will, nachdem ein gehörnter Ehemann Belle davon unterrichtet hat, dass James ein Verhältnis mit seiner Ehefrau hat, ist mehr als überraschend. James entblödet sich auch nicht, seiner Frau zu sagen, dass er auch nichts aus der Ehezeit haben will, nicht mal die drei Kinder. Dass er kurze Zeit später per Privatflugzeug zurückkehrt, um im Keller nach dem Ehevertrag, der eindeutig auf sein Betreiben zu seinen Gunsten aufgesetzt wurde, zu wühlen und kaum mit seinen Kindern spricht ( aber noch ein Sandwich von seiner Frau einfordert, das sie auch noch schmiert ), deutet nicht auf den beständigen, nie laut werdenden Mann hin, den Belle angeblich geheiratet hat. Ausführlich wird der tiefe Schmerz beschrieben, denn die verlassene Frau, die glaubt nun alle Sicherheit verloren zu haben, durchleben muss. Aufbauend, aber auch geschmacklos die Stimmen des Umfelds. Unerträglich die Gleichgültigkeit, mit der der einst so treusorgende Familienvater für seine Kinder, dreizehn, fünfzehn und siebzehn Jahre alt, keinen Platz mehr in seinem Leben einräumt und sich eher gegängelt fühlt, wenn er sich kümmern soll. Erstaunlich auch, dass Belle Ausgaben, die er immer peinlich kontrolliert hat, vor ihm versteckt und sogar Familienmitglieder das Schulgeld für die Kinder bezahlen. Dabei häuft James, was er ja auch nach der Scheidung behalten kann, ein kleines Vermögen an, z.B. diverse Rolex-Uhren, Motorräder und diverse andere Spielzeuge. Als dann der Ehevertrag doch auftaucht, fordert er seine Anteile ein, die seine Frau mit ihrem Trustgeld erstanden hat, die große Wohnung und das Haus auf der Insel. Sie hat ihn als Miteigentümer in die Grundbücher aus Liebe und Verbundenheit eingetragen, obwohl er nicht einen Cent beigesteuert hat. Und so geht es letztendlich nicht um die angeblich so große Liebe, die es vielleicht gar nicht gewesen ist, sondern immer nur um eines, nicht die Kindern, sondern nur ums liebe Geld.
Am Ende der Aufzeichnungen sind beide nur noch Fremde, die einander vielleicht nie gekannt haben. Was für ein trauriges Fazit bei Menschen, die alles und noch mehr besitzen ( einschließlich Gelder für Anwälte und Therapeuten ) und menschlich so abgrundtief enttäuschend handeln. Nie wird Belle erfahren, warum James es nicht für nötig hält, ihr eine ehrliche Begründung für seinen Trennungswunsch zu nennen. Sie geht gestärkt aus der Geschichte hervor. Sicher konnte sie auch nur mit diesem siegesgewissen Gefühl über diesen tragischen Lebensabschnitt schreiben.
Empfehlenswert!