Birgit Bachmann: Ein Samstag im August, btb Verlag, München 2026, 256 Seiten, €24,00, 978-3-442-76364-1
„Familie war so etwas Mühlseliges. Alles schien sich zu wiederholen. Sie hatte einen Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Genau wie ihre Tochter. Und auch ihre Schwägerin war ohne Vater aufgewachsen. Genauso wie ihr Schwager Jobst. Sie alle hatten Väter, die verschwunden waren, aber als Phantomschmerzen weiterexistierten.“
Bereits im Prolog zieht Birgit Bachmann die Lesenden in ihre so lebenskluge wie differenzierte Sicht aufs Familienleben hinein. Die Autorin vergleicht die Familie, die man sich nicht aussuchen kann, mit einem Flickenteppich, der zudeckt, was nicht nach außen dringen soll und der warm hält, aber dabei auch die Luft zum Atmen nehmen kann. Viele Sätze in dieser multiperspektisch erzählten Geschichte rund um die Familie von Sigrid, Elvira, Mona, Fiete, Kathi, Frieda und Jobst würde man sich am liebsten anstreichen, denn sie fassen gut beobachtet und wunderbar unbeschwert kurz zusammen, was gar nicht so einfach zu beschreiben ist.
„Die Pubertät schien etwas zu sein, was über jede Familie hereinbrach und auch die liebevollsten Mutter-Kind-Beziehungen zerbrechen ließen. Wenn man Glück hatte, gelang es einem, die Scherben zu etwas Neuem zusammenzusetzen, was die nächsten Jahrzehnte hielt.“
In inneren Monologen und Gedankensprüngen berichten die einzelnen Familienmitglieder, die im fiktiven norddeutschen Niederhude und Umgebung leben, von den Geschehnissen innerhalb der Familie und ihrem eigenen Handeln, blicken aber auch kritisch auf die anderen Familienmitglieder. Da ist Sigrid, die als Witwe sich nun mit ständigem Putzen und die Nachbarn beäugen die Zeit vertreibt. Haus und Garten sind groß und Wege schafft die Fünfundachtzigjährige nur noch mit dem Rollator. Ihre älteste Tochter Elvira, die schnell gereizt wirkt, aber auch sympathisch sein kann, denkt, dass die Mutter sich wie ein bissiger Spitz verhält. Nur zur lebensfrohen, alleinerziehenden Mona, ihrer jüngsten Tochter, kann Sigrid freundlich sein. Als sie dieser allerdings erzählt, dass ihr leiblicher Vater nicht Heinrich, Sigrids konservative Ehemann ist, sondern Martin, ein Fotograf, mit dem Sigrid über sieben Jahre ein Verhältnis hatte, verschieben sich so einige Konstellationen innerhalb der Familie. Martin allerdings weiß nichts von Monas Existenz und lebt heute in Amerika. Väter sind in dieser Familie allerdings oftmals eher abwesend, mal schmerzlich vermisst, mal unbekannt. Auch Monas achtzehnjährige, oftmals mies gelaunte Tochter Frieda sucht nach ihrer Identität ohne Vater und einem Ankerpunkt im Leben. Kathi, Sigrids Schwiegertochter, hadert mit ihrem Ehemann Milan, der sich gern aus allem heraushält und nicht erkennt, dass sein jüngster, vierzehnjähriger Sohn Fiete langsam in ein kriminelles Milieu abrutscht. Kathi spürt, dass dem Jungen etwas auf der Seele liegt, aber sie kommt nicht an das mürrische Kind heran. Dabei hatte sie sich geschworen, dass sie zu ihren Kindern ein besseres Verhältnis haben möchte, als sie es zu ihren Eltern und zu ihrer Großmutter hatte, die sich kaum um ihre Wünsche kümmerte. Und doch funktioniert nichts so, wie Kathi es sich erhofft hatte.
In all ihren Widersprüchlichkeiten schlagen sich die einzelnen Familienmitglieder mit ihren alltäglichen kleinen, wie existentiellen Problemen herum. Wie in allen Familien gibt es Routinen, Eigenheiten, Gleichgültigkeit nach vielen Jahren des Zusammenlebens und immer wieder aufflammende Animositäten, aber auch verdrängte sexuelle Gewalt. Es wird viel geschwiegen, eher passiv aggressiv gehandelt und wie so oft nicht mit den Eltern, aber unter Geschwistern, auch wenn sie erwachsen sind, Tacheles geredet.
Nach dem heißen Sommersamstag folgt im Verlauf der Handlung Wochen später ein Herbst, und mit ihm ein Sturm, der in der Familie einiges wieder gerade rückt und das ist ein befreiendes Gefühl beim Lesen, auch wenn es vielleicht eher Wunschdenken als Realität ist.
Birgit Bachmann hat lebendige Figuren geschaffen, die man so schnell nicht vergessen kann.
Ein eindringliches Debüt!