Melanie Raabe: Daisy und all deine Geheimnisse werden mir gehören, btb Verlag, München 2026, 416 Seiten, €24,00, 978-3-442-76355-9

„Und dann steht er plötzlich vor mir und sieht mich aus seinem Rahmen und über anderthalb Jahrhunderte hinweg an. Der Maler, hinter dem der Tod steht und Geige spielt. Es ist ein morbides Bild, und dennoch muss ich lächeln, als ich es erblicke, ganz so, als hätte ich in der Stadt unvermutet einen alten Bekannten getroffen.“

Eine ständige Todessehnsucht, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, ein zu hoher Kaffeekonsum, die Lust daran, Listen zu schreiben und vor allem die Fähigkeit zu erkennen, wann andere rotzfrech lügen, all dies zeichnet die Ich-Erzählerin dieses Thrillers aus. Luca Palmer arbeitet als Juristin in Berlin. Die Vierunddreißigjährige ist überzeugter Single und mit dem Philosophieprofessor Walther Pfeffer befreundet, der gut vierzig Jahre älter ist als sie. Beide vertrauen einander und nur ihm kann sie erzählen, was sie so in ihren Nächten treibt. Gut trainiert und geschickt beim Öffnen geschlossener Türen droht Luca sehr unterschiedlichen Menschen, die glauben, mit allem davonzukommen. Sie hinterlässt Gänseblümchen, schriftliche Botschaften und Geschenke, z.B. Vogelspinnen oder ein Glitzer-Geschoss für einen homophoben Hater. Luca liebt ihre Arbeit, die Fälle, die auf ihren Tisch kommen und die Gerichtstermine. Es wäre eine Katastrophe, wenn die Polizei ihr auf die Spur käme. Doch nun wurde sie bei einem Einbruch gesehen, verfolgt und nichts ist mehr so, wie es einmal war. Denn jemand spielt mit ihr ein Spiel und lässt sie in dem Glauben, alles von ihr zu wissen.
In Rückblenden lässt Melanie Raabe ihre Protagonistin in die Vergangenheit zurückschauen, als sie siebzehn war und mit ihren Freundinnen und Freunden keine Ungerechtigkeiten ertragen konnte. Allerdings musste Luca erleben, dass ihr bester Freund ums Leben kam, ein vermeintlich tragisches Unglück, dass sie bis heute verfolgt. Wenn Luca nach ihren Eltern gefragt wird, dann behauptet sie, sie wohnen in Australien. Dabei hat die Mutter die Familie früh verlassen und der emotionslose Vater lebt im Schwarzwald. Er wird es auch sein, der ihr eine Waffe aushändigen wird.
Denn Luca fühlt sich wirklich bedroht, als sie in ihrer Wohnung ein Giftschlange entdeckt. Natürlich geht sie nicht zur Polizei und hofft, allein mit der Gefahr fertig zu werden. Sie wird von zwei Typen nachts überfallen und sie lernt über eine Freundin den charmanten wie reichen Alexander Wicker kennen. Ist er es, der hinter all dem Psychoterror steckt? Warum kann Luca bei seinen Antworten auf ihre Fragen nicht erkennen, dass er eventuell lügt? Zwei ebenbürtige Gegner scheinen sich gegenüber zu stehen. Der Spaß hat jedoch ein Ende als Lucas alter Freund Walther nach einem Angriff im Krankenhaus im Koma liegt.
Melanie Raabe hat einen seltsam manierierten Roman ohne wahres Innenleben geschrieben, in dem eine durchtrainierte Wonderwoman sich dazu berufen fühlt, in Berlin in die Rolle der Rächerin der Schwachen zu schlüpfen. Wenn Täter oder Täterinnen per Gesetz nicht zu greifen sind, folgen eben andere Maßnahmen, um Leute zu strafen, wenn diese das überhaupt kapieren. Leicht steril mit unnötigen Beschreibungen von Äußerlichkeiten umkreist die Handlung ein Machtspiel, dass keine wirkliche Spannung erzeugt oder intellektuell anspruchsvoll sein könnte, keine unerwarteten Wendungen, keine Überraschungen treten ein und am Ende verpufft der Konflikt in einem simplen Autounfall. Die Geschichte bleibt blutarm, denn die holzschnittartigen Figuren werden eindimensional dargestellt und die Hundestory reißt auch nichts mehr heraus.
Wäre der Roman nicht von Melanie Raabe, kein Verlag würde sich für dieses Manuskript interessieren.
Enttäuschend!