Karl Ove Knausgård: Das Amerika der Seele, Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg, Luchterhand Literaturverlag, München 2016, 496 Seiten, €24,00, 978-3-630-87455-5

„Das Wenige, was ich tun kann, ist, mich durch Schreiben zu re-lokalisieren, aber auch innezuhalten und nicht wegzuschauen, sondern zum Licht des Universums aufzuschauen, in das schwache Brausen der Wellen, und am Schluss das knirschende Geräusch von Schritten im Schnee wie einen kleinen Schock der Stille, ein Beben spüren. Dieses Beben ist die Antwort der Seele auf eine Frage, die sie sonst nie berührt. Wo bin ich jetzt? Hier bin ich.“

An Karl Ove Knausgård scheiden sich die Geister, da sein Thema als Schriftsteller nichts anderes ist als sein eigene Leben. Mögen die einen den stark subjektiven Blick des norwegischen Autors und fühlen sich wohl mit seinen thematischen Lebensbeschreibungen, die sich in seinem großen Werk, „Min Kamp“ um den alkoholkranken Vater, die Liebe, die Jugend oder das Träumen drehen, so lehnen die anderen sein Schreiben als wahre Literatur ab. Doch wer sich auf ihn einlässt, kann sich unter Umständen mit vielem identifizieren, was er zu sagen hat oder an ihm reiben, ihm gedanklich folgen und somit neue Erkenntnisse gewinnen.

So fühlt es sich jedenfalls an, wenn man seinen Essayband in die Hände nimmt und in den 18 Texten, gesammelt wurden Vorträge, Katalogtexte und Zeitungsbeiträge, die in den Jahren 1996 bis 2013 entstanden sind, liest. Auch hier dreht sich der Blick des Autors wieder wertfrei und äußerst subjektiv, um so große Themen wie Kunst und Welt, Literatur und Leben und vor allem auch Weltgeschehen.

Knausgård richtet seinen Blick von außen auf Unfassbares, so z.B. in seinem Gedankengang über den Mörder Anders Breivik, der im Jahr 2011 in Oslo 69 Jugendliche erschossen hat. Eher analytisch und fast die Taten sezierend versucht sich Knausgård, auch über den Blick in die Biografie, dem Menschen Breivik zu nähern. Er scheut dabei nicht davor zurück, nach den Schwachstellen in der Gesellschaft zu suchen, die nicht in der Lage ist, so einen Menschen und seine verquere Ideologie abzuwehren. Am Psychogramm Breiviks entwickelt Knausgård die Typologie des „monofonen Menschen“, der nur mit sich allein und Kontakten im Internet lebt – und fragt sich, wie sich der Wahnsinn Breiviks in der Mitte unserer Gesellschaft unbemerkt entfalten konnte.
Kein Text liest sich so wunderbar wie die Hommage an den Lektor, der für erfolgreichen norwegischen Autor, der offenbar nicht oft allein in seinem Kämmerchen sitzt, um zu schreiben, unverzichtbar ist. Können die einen Kritik am Werk nicht ertragen, Knausgård erzählt von einer Erfahrung, die er als sehr junger Redakteur machen musste, so erleben die anderen den Lektor als Partner und denjenigen, der die richtigen Bücher empfiehlt.

Ob in den Essays über Knut Hamsun, den Tod des Vaters oder das Scheißen, Knausgård schafft es grandios, den Leser in seine Gedankenwelt einzulassen. Seine Texte sind poetisch, detailgenau und zur Abwechslung mal nicht autobiographisch.