Jennie Godfrey: Das Gartenfest, Aus dem britischen Englisch von Susanne Keller, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2026, 400 Seiten, €23,00, 978-3-423-28541-4

„Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die wachsende Gästeschar, die steif auf dem Rasen herumstand, wie die Plastikgartenzwerge von Tina in Nummer 20, die Lydia so abgrundtief scheußlich fand.“

Die zahlreichen Nachbarn aus der Delmont Close, einem Häuserviertel für den Mittelstand, haben Lydia Gordons Einladung zu einem Gartenfest gern angenommen. Es ist der Tag des Live Aid Konzerts für die hungernden Kinder in Äthiopien in Wembley. Beliebte Bands treten auf und tausende Menschen jubeln ihnen zu. Auf dem Fest der Gordons jedoch kümmert sich nur eine weinende Nachbarin um den Hunger in der Welt, die anderen genießen Essen und Trinken umsonst und scheren sich eher um ihre eigenen Probleme in diesem Jahr 1985 unter der Thatcher-Regierung.
Die etwas versnobte, sehr konservative Gastgeberin, die hinter ihrem Rücken auch Lady Di genannt wird, fährt alles auf, was die Küche zu bieten hat. Ihre musikalisch begabte Tochter Hanna soll die Gäste bedienen, was die Sechzehnjährige, die sich nur in schwarz kleidet, kaum erfreut. Zumal ihre Mutter mit kalter wie schneidender Stimme sie nur mit abschätzigen Blicken bedenkt und nicht wahrnimmt, dass ihr Kind schwanger ist.
Jennie Godfrey erzählt von diesem 13. Juli multiperspektivisch jeweils aus der personalen Sicht. Hannas Blickwinkel nimmt einen großen Teil der Handlung ein, aber auch die von Rita, die als stille Nachbarin aus der Nummer 15 eher unauffällig ist, dann noch Peter Gordons Blick als Lydias Mann und die Ansichten von Steve, der aus der Armee entlassene junge seltsame Mann, den alle Lurch nennen und der von seinem Posten auf dem Haus alle beobachtet und der Meinung ist, er müsse alle beschützen. Dabei beobachten eher die Nachbarinnen, dass sich ein verhüllter Mann wohl in der Gegend herumtreibt.
Jeder führt bei diesem Fest beim Smalltalk seine eigene theatralisch aufgesetzte Rolle auf und erst, wenn der Alkohol wirkt, zeigen einige ihr wahres Gesicht. Absolut authentisch hingegen ist Davina, die Frau mit den drei Kindern von jeweils einem anderen Mann, die natürlich von den verheirateten Frauen mit Argwohn und Distanz gestraft wird. Doch die politisch aktive Davina kümmert dies kaum, was ihre Nachbarin Rita bewundert. Finanziell unabhängig kann Davina künstlerisch arbeiten und in diesem neuen Haus leben. Sie hat den allerdings stinkreichen Vater ihres ersten Kindes nicht geheiratet, erhält dafür aber von der aristokratischen Familie genug Geld, um gut zu leben. Rita und Davina kommen ins Gespräch und in Rückblenden erfahren die Lesenden nun, welches Schicksal Rita, die vor kurzem nach siebzehn Jahren von Australien nach England zurückgezogen ist, erleiden musste. Sie ist nicht so offenherzig wie Davina, da ihre Geschichte wirklich tragisch ist. Je mehr Gäste, gleich zu Beginn des Romans befindet sich eine Karte, die anzeigt, wer wo in der Straße wohnt, eintreffen, um so turbulenter werden die Szenen und um so mehr stellt sich die Frage, wer ist eigentlich der Kindsvater. Hannas lieber Freund Shane ist es nicht. Die einzige, die eher beobachtend am Rand steht, ist Rita und auch bemerkt, dass der Gastgeber Peter eher deprimiert als wirklich in Feierlaune ist. Seiner Frau zuliebe spielt er die Scharade mit. Auch Hanna hatte sich gefragt, warum ihre Mutter, die alles andere als wohltätig ist, dieses Gartenfest veranstaltet. Will sie all ihre neuen Anschaffungen präsentieren und die Nachbarn neidisch machen oder braucht sie den glamourösen Auftritt, um ihre bissige Schwägerin Beverly zu beeindrucken.
Dass Lydias Mann Peter seit gut einem Jahr arbeitslos ist, hat sie nicht bemerkt. Die Abfindung ist längst für all die Anschaffungen und die Haushypothek ausgegeben und Peter steht vor einem horrenden Schuldenberg.
Jennie Godfrey hat ihre Kapitel nach den stündlichen Auftritten der bis heute bekannten Bands, wie (deren Auftritt als einer der besten aller Zeiten gilt) David Bowie, U2, The Who, Dire Straits, Elton John, Paul McCartney, Queen, Sade oder U2 aufgelistet. Und je später es wird, um so mehr drängen sich die unterdrückten Konflikte ins Zentrum der Handlung. Die britische Autorin verbindet dabei in ihrer Literatur eine große erzählerische Kraft mit einer analytischen Schärfe, die leicht sarkastisch ohne ihre Protagonisten bloßzustellen, gesellschaftliche Fragen aufwirft und so ein Zeitbild entwirft, bei dem Äußerlichkeiten wichtiger sind, als wahre Anteilnahme.

Empfehlenswert!