Karsten Dusse: Filmriss auf Immenhof . Trippel. Trappel. Tot., Heyne Verlag, München 2026, 320 Seiten, €24,00, 978-3-453-27454-9
„Ganz offensichtlich war die abgetrennte Hand auf Sophias Kopfkissen nicht die einzige Folge der letzten Nacht, an die sie sich nicht erinnern konnte. Ein absurder Gedanke ging ihr durch den Kopf: Hätte sie sich gestern Nacht ein Bett im Kornfeld gemacht, wäre sie mit mindestens ebenso vielen abgetrennten Körperteilen um sich herum aufgewacht wie heute Morgen in ihrem Hotelzimmer.
Wahrscheinlich sogar mit eher mehr.“
Die Kriminalpsychologin Sophia hat leider keinen besonders guten Geschmack, wenn es um die Auswahl ihrer Männer geht. Die fünfundvierzigjährige Berlinerin hat sich ziemlich schnell von ihrem konservativen Ehemann getrennt, der der Meinung war, dass sie nach der Geburt von zwei Mädchen doch nun zu Hause bleiben sollte und ihm hoffentlich bald noch einen Stammhalter schenkt. Auch der aktuelle Geliebte hat Sophia offenbar mit seinen Eric Clapton – Songs und seinem Charme um den Finger gewickelt. Dass Andreas ein Blender und Angeber ist, hatte sie allerdings ziemlich scharfsinnig schon vorher richtig erkannt. Dass er allerdings kein erfolgreicher Anwalt von Mördern und Clankriminellen ist, sondern ein vorbestrafter Kleinkrimineller und perfekter Lügner hätte sie eigentlich als Polizistin mit Zugang zu sensiblen Daten schon früher feststellen können. Noch abwegiger ist, und hier muss man ihr ihre nicht gerade glückliche Kindheit zugute halten, ihre Sehnsucht nach einem „Kindheitsfilmparadies“. Wenn irgendetwas wirklich mehr als kitschig war, dann die „Immenhof“ – Filme aus den 1950er Jahren, die ein westdeutsches, verlogenes Idyll vorgaukelten, auf das nur Pferde liebende junge Mädchen reinfallen konnten. Aber gut, jeder darf einem sogenannten „Guilty Pleasure“ frönen. Und das hat die lebenspraktische Sophia getan. Sie hat sich sehr konsequent von ihrem Fehlgriff Andreas getrennt und ein Wellnesswochenende an ihrem Geburtstag im „Immenhof“ – Hotel unweit von Hamburg gebucht. Sie will sich entspannen, in Erinnerungen schwelgen und sicher keinen Mord begehen.
Dass sie dann mit einem Filmriss nach einer wilden Party mit Wodka und Red Bull in ihrem Zimmer aufwacht, wäre vielleicht entschuldbar. Doch die abgehakte Hand auf dem Kopfkissen, die eindeutig vom übergriffigen Andreas stammt, ist dann doch schon problematisch. Sophia, die absolut sauer auf den immer manipulativ agierenden Andreas ist, der ihr auch noch auf den „Immenhof“ gefolgt ist, um sie anzupumpen, plante schon wutentbrannt vorher seinen Tod. Doch hatte sie ihn nun in ihrem Delirium getötet? Und wo befinden sich die übrigen Körperteile?
Karsten Dusse hat sich eine mehr als makabre Geschichte ausgedacht, die er aus der personalen Perspektive erzählt. In Rückblenden erinnert sich Sophia an ihre doch lieblose Kindheit in der hessischen Provinz, wo der jüngere Bruder immer die erste Geige spielen durfte und sie durch schulische Leistungen kaum die Liebe der Eltern erringen konnte. Sehr witzig lesen sich die Ausführungen des Autors über die Zeit als Sophia als junge Mutter auf Spielplätzen ihre Zeit verbringen durfte. Seltsam ist, dass sie wie der Autor eine Aversion gegen die „Conni“ – Bücher vom Carlsen Verlag entwickelt. Auch hier, wie auf dem „Immenhof“ wird ein extrem politisch korrektes Leben als reale Wirklichkeit vorgetäuscht.
Sophia jedenfalls entdeckt dann noch einen abgehackten Arm in einem Heuballen, der allerdings nicht von Andreas stammt. Diese Pferderomanze jedenfalls wird für Sophia zum Albtraum, auch wenn sie herausfinden wird, dass sie mit einem äußerst attraktiven Jungbauern an diesem bewussten Abend geknutscht hatte.
Sehr unterhaltsam und auf eine besondere Art komisch liest sich dieser Krimi, in dem dann noch ein alter Mähdrescher, eine äußerst laute Familie mit dubiosem Patriarchen, K.-o.-Tropfen und eine ausgeklügelte Beobachtungstechnik bedeutsam werden.
Sehr empfehlenswert!