Lisa Sarah Brandstäter: Tod in heller Sommernacht . Ein Helsinki – Krimi, Ullstein Verlag, Berlin 2026, 487 Seiten, €13,00, 978-3-548-07313-2
„Manchmal fragte Leena sich, ob es eine Berufskrankheit war, das sie mittlerweile in den verschiedensten Situationen etwas Merkwürdiges sah oder gar Böses vermutete. Oder waren das wirklich ihre feinen Antennen, die sie über die Jahre entwickelt hatte und die sie warnten, dass etwas nicht stimmte?“
Sommer 2024: Die unbeschwerte, zweiundzwanzigjährige Lina Saarinen, die sich mitten in der Nacht mit ihrem Moped ziemlich alkoholisiert auf ihrem Nachhauseweg befindet, wird von einem SUV mehrmals gnadenlos überfahren. Den Anblick der Toten werden die jungen Polizisten im beschaulichen Porvoo nicht vergessen. Doch wer könnte einer jungen Studierenden, die in den Semesterferien bei ihren Eltern im Hotel jobbt und sich in ihrer Freizeit mit alten Freunden trifft, das antun?
Kriminaloberkommissarin Leena Victor und ihr neuer, ziemlich attraktiver, aber verschlossener Kollege Sebastian Nyberg aus Helsinki stehen vor einem Rätsel. Parallel zu dieser Gewalttat häufen sich in den Sommermonaten die Einbrüche in der Umgebung. Die üblichen Befragungen beginnen und führen die Ermittler in gut situierte Familien, in denen jedoch die nach außen hin getragene Harmonie sich oftmals als eine Lüge erweist. Schnell erkennen Leena und ihr Kollege, ( Bereits im Vorgängerband wird durchgehend – wie in Skandinavien üblich – geduzt, was für deutsche, zumindest ältere Lesende leicht befremdlich ist. ) dass Lina offenbar doch so ihre Geheimnisse hatte. Bei der Durchsuchung ihres Zimmers stellen die Ermittler fest, dass sie extrem teure Kleidung und auch Schmuck besitzt. Dass ausgerechnet Riku Lampila, der beste Freund von Linas Vater Onni, auch noch der Liebhaber der Tochter ist, klärt sich im Laufe der Handlung. Onni jedenfalls ist am Boden zerstört, seine englische Frau Claire, die Stiefmutter von Lina und Hotelmanagerin des teuersten Hauses am Platze zeigt kaum Emotionen.
Lisa Sarah Brandstäter schaut in diesem zweiten Band der Helsinki-Krimis hinter die Fassaden des wohlsituierten Mittelstandes. Vom glücklichen Leben der Finnen ist hier nichts zu finden. Übermäßiger Alkoholkonsum, Kontrollzwang, Abhängigkeiten, Untreue, Gewalt und Rachegedanken in Ehen sind an der Tagesordnung. Und so streitet sich Riku nicht nur mit seiner nervigen Tochter Anniina, sondern auch mit seiner frustrierten Ehefrau Mari. Sie plant nach Jahren der Demütigungen akribisch den Tod ihres Mannes und schiebt in seinem von ihr verfassten Abschiedsbrief auch noch alle Schuld am Tod der jungen Lina auf Riku. Doch so schnell lässt die Polizei sich nicht hinters Licht führen. Als dann auch noch Linas Laptop endlich geknackt wird, ergibt sich ein erstes Motiv, denn jemand hat der jungen Frau Drohmails gesendet und sie dazu bewegt, ein Geständnis bei der Polizei abzugeben. Doch wofür?
Wie auch im ersten Band konzentriert sich die Deutschfinnin Lisa Sarah Brandstäter neben dem Kriminalfall auf die Privatleben ihrer Ermittler. Leena glaubt an eine glückliche Zukunft mit dem bekannten Sportler Samuel, der ihr auch noch einen Heiratsantrag macht. Dass er sie auf Schritt und Tritt beobachtet, ahnt die so verliebte Leena nicht. Auch Sebastian führt mit Leena langsam intensive Gespräche über private Sorgen, die seine eigenen Depressionen und deren Ursachen betreffen. Persönliches Leid und verdrängte Konflikte, die in Gewalt ausarten, durchziehen diesen Roman, der sich gut liest, aber doch mit persönlichen Dramen auf der Seite der Verdächtigen und dem der Ermittler zu überfrachtet ist.
Eine Besprechung zum ersten Band der Reihe um Leena Victor ist in diesem Literaturblog zu finden: