Julie Dubois: Geheimes Paradies – Ein Périgord – Krimi, Bastei – Lübbe Verlag, Köln 2026, 363 Seiten, €17,00, 978-3-7577-0249-6
„ Doch in die Trauer um Pierres Tod hatte sich jetzt bittere Enttäuschung gemischt. Wie hatte er ihren kleinen Bruder derart ausnutzen können? Was war Pierre bloß für ein Mensch gewesen? Oder geworden? Einerseits engagiert und mitfühlend und andererseits empathielos und kaltschnäuzig.“
In dem beschaulichen Ort Fleunac im Périgord wird der neue Inhaber des exzellent besuchten Restaurants „Le Paradis Secret“ tot im Kühlraum aufgefunden. Jemand hat ihm offensichtlich heftig ins Gesicht geschlagen und dann erfrieren lassen. Der neununddreißigjährige, charismatische Pierre Lachand hatte, bevor er vor gut einem Jahr sein eigenes Restaurant eröffnete, zwanzig Jahre im gegenüberliegenden Gasthof bei Véronique und Alain Mortier sein Handwerk gelernt. Wie ein Sohn haben die beiden ihn aufgenommen und ihm sogar sein erstes Pferd finanziert. Einem Schock gleich mussten sie dann erfahren, dass Pierre nur einen kurzen Weg über die Brücke des Flusses Vézère im Ort sein Konkurrenzunternehmen mit Hilfe eines finanzkräftigen Investors aufbaut. Dabei hatte Pierre versucht, den Mortiers viele moderne Ideen schmackhaft zu machen, um den Gasthof, der finanziell immer mehr in die roten Zahlen geriet, rentabler zu führen. Aber Alain stellte sich stur. Die Beziehung zwischen den Mortiers und Pierre ist seitdem völlig zerrüttet. Und ausgerechnet Véronique muss den Toten finden. Da sie ihren Mann kurz zuvor am Restaurant gesehen hat, hofft sie, dass nicht er der Täter ist.
Die beiden Ermittler Marie Mercier, die Leiterin des Morddezernats in Périgueux und Richard Martin sind eher mit ihren familiären Geschehnissen beschäftigt als mit einem neuen Mordfall. Richards Mutter hatte eine schwere Operation im Krankenhaus und die schwangere Marie feiert mit ihrer großen Familie und Freunden die glückliche wie ungewöhnliche Hochzeit von Léonie und Georges, die beide über achtzig Jahre alt sind. Die üblichen Befragungen beginnen und immer wieder kehren die Ermittler zu den Mortiers zurück, denn Alain macht sich mit seiner Sturheit und seinem Schweigen immer verdächtiger. Dass Pierre nicht nur ein guter Gastgeber war, sondern auch ein Frauenheld ist allgemein bekannt. Bei den Vernehmungen der befreundeten Ehepaare, die an dem Abend seines Todes zum Essen im „Le Paradis Secret“ anwesend waren, stellen sich bald Unstimmigkeiten heraus. Und dann muss die Polizei auch noch ein durchaus hochpreisiges Pferd von Pierre suchen, dass offensichtlich entführt wurde. Die Tatwaffe jedenfalls ist, ohne zynisch zu klingen, standesgemäß eine tiefgekühlte Wildschweinkeule.
Die Handlung von Julie Dubois‘ sechstem Band in der Reihe der Périgord – Krimi umkreist Familienkonflikte und langzeitig unterdrückte Gefühle, die irgendwann zum Ausbruch kommen und dann in vielleicht nicht beabsichtigten, tragischen Affekthandlungen enden. Weiterhin erwähnen sollte man, dass gerade in kleinen Orten alle Nachbarn glauben, alles über die anderen zu wissen. Und so kann es sein, dass ein nach außen hin glückliches Paar vielleicht doch nicht so harmonisch zusammenlebt. Seltsamerweise sind alle immer arbeitsmäßig so überlastet, aber für Affären bleibt dann doch ein Schäferstünden übrig. Und derjenige, der als loyal und fair beurteilt wird, ist, wenn es um seine eigenen Belange sowie sein aufstrebendes Geschäft geht, ein egoistischer wie rücksichtsloser Zeitgenosse. So können alle Hoffnungen schnell enden und das Paradies zur Hölle werden.
Die ausgewogene Balance zwischen der Familiengeschichte von Marie und dem nicht allzu brutalen Kriminalfall ergänzt durch die Schilderungen rund um die Sehenswürdigkeiten und Spezialitäten im malerischen Périgord, wo die Menschen auch so ihre Probleme haben, führt dazu, dass sich dieser Roman unterhaltsam liest und neugierig darauf macht, wie es in der Familie Mercier wohl weitergeht.
Empfehlenswert!