Anne Holt: Diamanten und Rost . Der letzte Fall für Hanne Wilhelmsen, Atrium Verlag, Hamburg 2026, 444 Seiten, €24,00, 978-3-85535-256-2

„Das eigentliche Mysterium in Maridalen war, dass Anette Schønn ohne Kleider gefunden worden war. Auf irgendeine Weise musste das etwas bedeuten. Etwas Entscheidendes, dachte Hanne und konnte endlich einschlagen.“

Und wie immer hat Hanne Wilhelmsen, die vor längerer Zeit durch ihre Spielsucht bei der Polizei in Ungnade gefallen ist und nun im Rollstuhl sitzt, die richtige Ahnung. Dieser Sommer 2024 ist wirklich heiß und eigentlich könnte sie froh sein, dass sie mit ihrer geduldigen Lebenspartnerin Nefis in einer zugegeben vielleicht zu großen Sommerhütte mit zu vielen Gästen den Juni verbringen kann. Doch Hanne lässt an nichts ein gutes Haar und ist ungesellig. Sie sehnt sich nach Oslo zurück und stößt auf eine polizeiliche Mitteilung, die sofort ihr Interesse weckt. Ein Kind findet eine tote, nackte, alte Frau in einer schmutzigen Badewanne, die auf einer Weide bei Maridalen steht. Doch wo ist ihre Kleidung? Und was hat es mit dieser Anstecknadel mit kleinem Fake-Diamanten, die der Junge an sich genommen hat, auf sich? Den betagten Renault der Toten entdeckt die Polizei in der Nähe und weiß auch recht schnell, wer sie ist. Anette Schønn lebte in ihrem Elternhaus, in einer sehr großen, allerdings auch etwas heruntergekommenen Villa mit Garten. Die Achtundsechzigjährige musste ihre langjährige Arbeit als Korrektorin in einem angesehenen Verlag aufgeben, weil sie in ihrer Sorgfalt und Genauigkeit nachgelassen hatte. Sie selbst wusste das und sie verbarg auch vor ihrer Schwester, zu der sie ein wirklich gutes Verhältnis hatte, ihre langsame wie bedrohliche Reise in die Demenz. Durch das Schicksal ihrer Mutter ahnte sie, was ihr in den kommenden Jahren widerfahren könnte. Die pathologische Untersuchung wird dann auch bekräftigen, dass Anette auf jeden Fall die Krankheit der Mutter in sich trug. Ob sie nun Selbstmord begangen hat oder eine Überdosis ihrer Medikamente zum Tod führte, bleibt lang offen.
Odin Gammelgård ist der ermittelnde Oberkommissar, der zu gern zu Hanne und Nefis ans Meer fährt. Allerdings verbittet er sich jegliche Einmischungen von Hanne, die bereits dabei ist, sich einige Fragen zu stellen. Durch einen Zufall lernt Hanne ihre Nachbarin, die bekannte Krimiautorin Kristine Hoff, kennen. Diese kannte Anette Schønn von der Arbeit, denn viele Manuskripte von ihr sind durch die Hände der Korrektorin gegangen. Als die jetzt sehr zurückgezogen lebende, erfolgreiche Autorin vor längerer Zeit von u.a. zwei jungen aufstrebenden wie von sich allzu sehr eingenommenen Autoren ihres Verlages, Vebjørn Vika und Trond Flatjordet, öffentlich denunziert wurde, war es Anette, die fast als einzige den Kontakt zu Kristine Hoff gesucht hatte. Die beiden Jungautoren fühlten sich damals dazu berufen, die Hochliteratur zu preisen und das Krimigenre zu diffamieren, und somit auch die „Krimikönigin“ Kristine Hoff und ihre schriftstellerische Leistung.
Anne Holt macht die Lesenden nun mit ihren sehr unterschiedlichen Figuren bekannt und berichtet von deren gegenwärtigen Lebensumständen. Die beiden Autoren, die nun in die Jahre gekommen sind, und kaum von ihren Büchern leben können, sind pleite, geschieden und werden, zumindest Vebjørn Vika von seinen vier Kindern, verachtet. Finanzielle Probleme hat Kristine Hoff wohl kaum, lebt allerdings sehr zurückgezogen und findet aber, trotz aller Scheu vor Publikum, Gefallen an Hanne, Nefis und auch Ebba Braut, die als Lektorin arbeitet. Wie auch im letzten Band fließen sehr viele Seitenhiebe aufs aktuelle Verlagswesen in diesen Roman ein, denn natürlich fragt sich jeder, welcher Verlag es sich noch leisten kann, eine Korrektorin fest einzustellen. Und Lektorin Eli Schwartz kommt wieder zu Wort, die wohl am kompetentesten über Autoren und den nicht gerade rühmlichen Literaturbetrieb berichten kann. Weiterhin spielt für die Handlung das Testament von Anette Schønn noch eine wichtige Rolle, denn angeblich hat sie, so Kristine Hoff, entgegen der Verabredung mit ihrer Schwester alles an einen ihrer Liebhaber vermacht, und das ist ausgerechnet Trond Flatjordet. Er hat kein Alibi und wird nun für die Ermittler, die ein Motiv suchen, interessant, denn bei ersten Befragungen ist er äußerst nervös und in seinen Aussagen sehr widersprüchlich.
Anne Holt bleibt wie ihre Figur Kristine Hoff die norwegische Krimikönigin. Allerdings verabschiedet sie sich mit diesem Roman von ihrer doch sehr ambivalenten Hauptfigur Anne Wilhelmsen, der am Ende durch ihre Sympathie für Kristine Hoff und deren Schicksal als Autorin und die fehlende Kleidung der Toten vor Ermittler Odin auf die richtige, wie tragische Spur führen wird.
Literarisch wie immer hochwertig und äußerst spannend!

Die Besprechung des Vorgängerbandes:

Anne Holt: Das elfte Manuskript – Ein Fall für Hanne Wilhelmsen