Carolin Frey: Das Krähenzimmer, Rowohlt Verlag, Polaris, Hamburg 2026, 432 Seiten, €18,00,
978-3-499-01881-7
„Die kurze Erleichterung, dass ich mir nichts eingebildet habe, ist wie weggeblasen. Denn selbst wenn der Lautsprecher von draußen gesteuert werden kann, muss er aufgeladen werden. Und das nicht nur einmal. Sondern regelmäßig. Was bedeutet, dass jemand hier ein und aus geht. Und dieser Jemand bin nicht ich.“
Carlotta Klein hat sich im kalten November auf den Weg zur Ostsee begeben, um aus dem Blickfeld ihres Ex-Freundes Quentin zu verschwinden. Sie hat ihren Job in der Kanzlei ihres strengen Vaters verlassen und sie muss damit klarkommen, dass sie ihr Jurastudium in den Sand gesetzt hat. Dabei war dies nicht ihr Herzenswunsch, viel lieber hätte sie weiterhin Kunst studiert. Doch nun ist die Fünfundzwanzigjährige im kleinen, fiktiven Ort Geelekow angekommen und hat sich illegal Zugang zum Haus von Helene, der Ex-Frau ihres Vaters, verschafft. Mit diesem Ostseeort und der Villa Sturmmöve verbindet Lotta ihre schönsten Kindheitserinnerungen, hier war sie einst wirklich glücklich.
Carolyn Frey lässt ihre Ich-Erzählerin Lotta im Präsens erzählen und ermöglicht so den Lesenden ganz nah zu erleben, was ihre Hauptfigur durchmachen muss. Denn nichts in der Villa ist so geblieben, wie es Lotta in Erinnerung hat. Ein Immobilienkontor hat die riesige Villa gekauft und mit Sauna und Heimkino aufgemotzt, wobei die Familie von Helene noch Wohnrecht hat. Justus Juric ist der Verwalter, der Lotta nun auf diese Veränderungen hinweist. Doch die beiden können ein Deal vereinbaren. Lotta darf bis Ende November bleiben, wenn sie nicht nur das Prestigeprojekt Villa Sturmmöve sauber hält, sondern sich auch um die weiteren Häuser des Immobilienkontors kümmert. Lotta kann erst mal durchatmen, aber sie spürt auch, dass irgendetwas im Haus nicht stimmt. Sie hört Klopfgeräusche, später dann auch noch Kinderlachen, sie bemerkt Schatten im Haus, ihr werden Sachen entwendet und sie empfängt immer wieder die Botschaft, auch von Leuten im Ort, dass sie nicht willkommen ist. Und ihr wird zugetragen, dass in den letzten Jahren Frauen in der Villa gewohnt, und diese entweder fluchtartig verlassen oder Suizid begangen haben. Neben Lottas eigenen Alltagsbeschreibungen fließen ihre Erinnerungen an den Ort in Tagebuchform ein und es gibt eine bestimmte Person, die die Lesenden mit zwölf Regeln vertraut macht. Sie/Er steckt hinter den Versuchen, Lotta entweder zu vertreiben oder sie in den Wahnsinn zu treiben. Doch Lotta ist psychisch nicht so instabil, wie sie vielleicht vor der Ankunft in Geelekow glaubt. Und sie ist nicht allein, denn sie hat sich mit Bo, dem Fischer, Nele, der jungen Frau, die ein Lesecafé im Sommer betreibt, dem smarten Friedrich und auch Justus angefreundet. Und Lotta hält sich immer öfter im sogenannten Krähenzimmer der Villa auf. Von hier aus kann sie die Vögel beobachten und zeichnen. Die Leidenschaft fürs Malen entfacht Nele bei Lotta neu, denn sie braucht unbedingt einen Ersatz für eine abgesagte Ausstellung in ihrem Café.
Wie in jedem guten Thriller steigert die Autorin die Spannung von Kapitel zu Kapitel. Sie lanciert immer wieder Gespenstergeschichten und rückt einzelne Personen und deren seltsames Verhalten ins Visier der Lesenden, um sie in dem Glauben zu lassen, sie könnten Lotta stalken und mit Absicht quälen. Als dann auch noch Quentin, Lottas einstiger Freund, der sie allerdings nur manipulieren und kontrollieren wollte, auftaucht, glaubt Lotta den Verursacher ihrer Ängste entlarvt zu haben. Doch hier irrt sie. Als dann Nele anstelle von Lotta in der Villa schmerzhaft verletzt wird, muss Lotta endlich eine Entscheidung treffen und proaktiv handeln, um den Täter / die Täterin endlich zu fassen.
Carolin Frey hat eine spannende, atmosphärisch dichte Geschichte konstruiert, die sich gut liest, aber in manchen Details, und das ist schade, unglaubwürdig wirkt. So überzeugt kaum die Hintergrundgeschichte von Nele und Bo, die als Geschwister einen Hof betreiben und ihre Eltern auszahlen müssen. Auch die Geschichte rund um die abgesagte Ausstellung ist nicht plausibel. Auch die Auflösung und die aufgesetzte Symbolik des Krähenzimmers funktionieren nicht so richtig.