Jo Cheetham: Love and Rent, Aus dem Englischen von Cornelia Röser, Tropen Verlag, Köln 2026, 336 Seiten, 978-3-608-50500-9

„Ich fragte mich, ob die Leben der anderen Frauen auch wie wilde Pferde durchgingen, oder ob sie tatsächlich davon träumten, einen reichen Mann zu heiraten und mit an ihrer Kleidung zerrenden Kindern in einem denkmalgeschützten Bauernhaus zu wohnen. Und wenn ja, was dann nicht mit mir stimmte? Das Leben könnte so viel einfacher sein, wenn ich diese Dinge wollen würde. Ich wollte Oskar, meistens jedenfalls, und ich wollte ein eigenes Haus, einen Ort, wo ich wirklich hingehörte. Aber ich wollte weder Mutter noch Ehefrau sein.“

Hannah denkt sich gern alternative Schlussszenen für Filme aus, in denen am Ende doch immer wieder der Mann die Frau retten muss. Trotz Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Mr. Right träumt auch sie von einem Ehering und einem Schlüssel. Doch bisher hatte sie wie ihre Freundin Kiera, die sie seit Kindertagen kennt, kaum Glück bei der Wahl ihrer Freunde. Beide Frauen arbeiten in Sheffield in Jobs, in denen sie kaum Geld verdienen und somit immer ihre Kreditkarten überziehen und panische Angst vor Mieterhöhungen ihnen den Schlaf rauben.
Jo Cheetham erzählt aus der Sicht ihrer fünfunddreißig Jahre alten Hauptfigur von den letzten drei Jahren. Hannah gibt gern auch selbstkritisch sarkastische Kommentar ab und ahnt, dass sie ohne Berufsabschluss und finanzieller Sicherheit nie aus dem Teufelskreis der existenziellen Unsicherheit herauskommt. Als Hannah sechzehn war, hat ihre unglückliche, gottesfürchtige wie sture Mutter, die vom Vater verlassen wurde, sie aus dem Haus geworfen. Nun im Rentenalter hat sie sich zwar mit Hannah versöhnt, frönt aber ihren Krankheiten und ihrem Putzfimmel, himmelt Prinzessin Anne an, kritisiert die Tochter wie eine Zwölfjährige und vergöttert ihren Sohn Sam, der einfach nur reich geheiratet hat und sich keinen Deut um sie kümmert. Doch nun hat Hannah Oskar kennengelernt, den sie aus Versehen zu einem Date eingeladen hat. Er sieht gut aus, ist wohlhabend und vor allem pflegeleicht, was für Kiera heißt, ziemlich langweilig. Für Hannahs Mutter läuten bereits die Kirchenglocken, für Oskars stocksteife Mutter, die wie eine Pocke an ihrem Sohn hängt, ist Hannah, und das ist nach einem ersten Besuch offensichtlich, natürlich nicht die Traumfrau für den Kronsohn.

„Sie beobachtete mich wie ein Geschöpf im Aquarium, das sie verstörte. Als würde ich mich so weit außerhalb ihrer Erfahrungswelt bewegen, dass sie nur blinzeln und starren konnte. Ich wünschte Kiera wäre hier. Sie hätte diesen Tag kommentiert wie eine Naturdoku im Fernsehen.“

Doch Oskar, der wie so viele Männer nie über seine Gefühle spricht, will mit Hannah zusammenleben. Allerdings muss sie ihm nach Edinburgh folgen, wo er einen aussichtsreichen Job annehmen wird. Kiera und alle Freundinnen sind entsetzt, als Hannah sich dafür entscheidet, ein neues Leben zu beginnen, zumal sie eine Mieterhöhung für ihre Miniwohnung erhalten hat. Ohne Hannahs Mitsprache hat Oskar ein Haus auf dem Land gemietet und mit Hilfe seiner Mutter und ihren schrecklich geschmacklosen Gemälden, das erfährt Hannah allerdings erst später, auch eingerichtet. Was alle vermutet hatten, und wenn Hannah ehrlich gewesen wäre auch sie, sitzt die junge Frau ohne Jobaussichten auf dem Dorf fest. Sie darf dem hart arbeitenden Freund hinterher räumen, das Haus putzen, das Essen kochen und sich elendig langweilen. Als dann endlich der WLAN-Anschluss installiert ist, spielt er seine Computerspiele und sie surft den halben Tag sinnlos im Netz. Eigentlich kann Hannah ihren Kummer nur noch im Alkohol ertränken, was sie auch ausgiebig bei einem Treffen mit Oskars Kollegen macht. Und als sich dann auch noch Oskars Mutter zu einem Wochenendbesuch ankündigt, ist die Stimmung völlig am Boden.

„’Fürchterliches Wetter‘, sagte sie statt Hallo. Sie trug ein formloses Sackleinenkleid mit Holzschnittprint und sah aus, als hätte sie Virginia Woolf besucht und sich ihre Kleider geborgt.“

Natürlich versinkt die Beziehung zwischen Hannah und Oskar in passiv aggressiven Streitereien. Hannahs Mutter wird dann unheilbar an Krebs erkranken und erst da stellt sich heraus, wer wirklich an Hannahs Seite steht. Weder Oskar, noch Sam und Familie, sondern einzig und allein die Freundin Kiera.
Jo Cheethams Roman ist nicht „Bridget Jones für eine neue Generation“, wie der Waschzettel verrät. Dafür zielt die Geschichte mit ihrem tragikomischen wie locker leichten Erzählton viel zu sehr auf das reale, ungeschönte Leben, mit allem was dazu gehört, wie finanzielle Not, Einsamkeit im Alter, das Totschweigen von familiären Konflikten, die Unfähigkeit der Aussprache zwischen Geschwistern, Unehrlichkeit in Beziehungen, Probleme bei Erbschaften, mit Krankheiten und Tod. Die Autorin schafft es jedoch, wie fast nebenbei etwas anzupreisen und das ist die lebenslange Freundschaft, die im Gegensatz zu Partnerbeziehungen, einfach unzerstörbar ist.

Unbedingt lesen!