Barbara Stengl: Siehst du mich?, Europa Verlag, München 2019, 262 Seiten, €18,00, 978-3-95890-233-6

„Das sind die Löcher, dachte Nina, das sind die tiefen schwarzen Löcher des Vergessens. Resl und ich irren herum und stolpern über unsere kleine Familiengeschichte, stolpern über etwas, über das schon andere vor uns gestolpert sind, über das dieser Ort gestolpert ist, und das ganze Stolpern liegt in diesen Tunnel, in diesem Geruch, hinter diesem Zugang, der gar keiner ist.“

Die siebenundreißigjährige Nina arbeitet als Dokumentarfilmerin in der Schweiz. In Österreich in St. Georg an der Gusen ist sie aufgewachsen, hier lebten ihre Großeltern, die sie aufgezogen haben und dann ins Internat steckten. Ninas Mutter ist nun in Österreich verstorben, die Nachricht kam von Ninas Großtante Resl, die Nina nicht sonderlich mag.
Immer in Zeitwechseln zwischen Gegenwart und Vergangenheit erinnert sich Nina an ihre Kindheit, an ihre Konflikte mit der Mutter, die offenbar psychisch krank war und längere Monate in der Psychiatrie verbringen musste. Ein lähmendes Schweigen hat sich über die Familie gelegt, denn in einem klaren Moment, behauptete Ninas Mutter, dass ihr Vater nicht ihr Vater sei. Allein schon durch ihre Statur ragte sie, die 1945 geboren wurde, über die anderen Kinder hinaus, nur sie in der Familie war blond. Nie hat Lisl, die Großmutter, etwas Persönliches erzählt. Sie hat ihr Schicksal angenommen, wenn der Ehemann seine Saufsonntage hatte, sie schlug. Das einzige, was die Großmutter machen konnte, war die Enkelin verstecken. Der archaisch anmutende Ort, Stille in den Wohnstuben, die nur an Weihnachten genutzt wurden, die Stille in den vier Wänden, in denen man nur die Uhr ticken hörte und die Stille in der Dorfgemeinschaft, in der alle alles wussten und nie redeten, ist bedrückend. Nur Kinder plaudern aus, was sie von Erwachsenen belauschen und oftmals in den falschen Hals bekommen. Dass Ninas Mutter „narrisch“ ist, war so ein Moment.
Schillernd angezogen, schrill und unberechenbar, so hat Nina ihre Mutter in Erinnerung. Ein gemeinsamer Urlaub nach Frankreich wird zum Desaster.

Nina fährt ohne ihre Familie, ohne ihren Mann Frank und Tochter, nach Österreich und will endlich wissen, wer nun wirklich ihr Großvater war. Resl reagiert bei der Totenwache auf die Großnichte eher distanziert und mürrisch. Auch sie will nichts sagen, nichts offenbaren, obwohl sie die letzte Zeitzeugin der Familie ist. Das Mantra, wenn Ordnung herrscht, dann kann nichts Schlimmes geschehen, nervt Nina dann doch.

Die Mutter hinterlässt einen Schlüssel, aber Nina hat keine Ahnung, wozu dieser gehört.
In den Dialogen zwischen Nina und Resl, die konsequent Dialekt spricht, was die Geschichte authentisch wirken lässt, sich aber anstrengend liest, zieht am inneren Auge des Lesers das Leben der Großmutter Liesl vorbei. Sie heiratete einen ungeliebten Mann, bekam ein Kind, dass mit dem Lauf der bisherigen streng gehüteten Ordnung nie klarkam.
In dem Moment, in dem Nina dann als Kind, das bei den Großeltern, wieder die Ordnung und das Schweigen durch Fragen durchbrechen will, schicken die Großeltern sie aufs Internat.
Unweit vom Hof, auf dem Resl und Lisl gelebt haben, befand sich das Lager Gusen und in den Tunnel geschahen geheimnisvolle Dinge. Resl erzählt immer wieder, Leute fahren hinein und kehren nicht mehr zurück. Was hat Lisl gesehen, was hat sie durch ihre nervige Neugier herausbekommen? Was ist in den Tunneln geschehen, was waren das für Menschen, die einfahren mussten?
Für Nina klären sich viele inneren Konflikte, die sie in der Ferne einfach klarer sehen kann. Auch Resl scheint langsam aufzutauen, denn sie erzählt immer mehr.

Bedrückend liest sich dieses Debüt, bewegend und zugleich desillusionierend, denn klar wird, in unserer Gegenwart geschieht auch wieder dieses Schweigen angesichts menschlicher Verbrechen.