Eva Lohmann: Etwas Leichtes, Eisele Verlag, München 2026, 239 Seiten, €24,00, 978-3-9616-1291-8
„Wenn man Kaninchen hochhob und sie dadurch den Boden unter den Pfoten verloren, bekamen sie Panik. Ganz tief in ihren Gehirnen verankert war die Angst vor Greifvögeln.
Für Leos Panik brauchte es keinen Greifvogel, nur einen am Abend spontan auftauchenden Mann und drei fast ausgesprochene Worte.“
In den meisten Romanen verzweifeln Frauen an Männern wegen ihres Kinderwunsches. In Eva Lohmanns lesenswertem Buch verzweifelt ihre Hauptfigur, die vierzigjährige Leo, die sich gegen Nachwuchs entschieden hat, beim Daten u.a. an den Männern, die zwar Kinder haben, diese aber, wie sie es nennen, zum Glück nur ab und zu sehen. Wenn Leo, die als Tierpflegerin in einem Tierheim arbeitet, sich nicht den konventionellen Erwartungen unterordnen würde, dann wäre ihre Lebenspartner ein Deutscher Riesenschecke, dem sie den Namen Frederic gegeben hat. Allerdings sollte sie sich in ihrem Job auf keinen Fall an ein Tier gewöhnen, behalten kann sie das Riesenkaninchen auch nicht, denn ihre Dachgeschosswohnung ist viel zu klein. Nach ihrer unkomplizierten Scheidung hat sich Leo ihr eigenes Refugium geschaffen, in dem sie auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Sie braucht Zeit für sich, registriert jedoch wie ihre Umwelt auf ihre Entscheidung reagiert und kann nicht fassen, dass ihre Eltern, die eine mehr als trostlose Ehe führen, ihre Aufmerksamkeit einfordern. Schwester Anna lebt weit fort mit Kindern in Australien. Einmal in der Woche trifft Leo ihren Gemüsemann Adam zum unverbindlichen Sex, und so könnte es bleiben. Doch ihre Mutter, die immer Dankbarkeit erwartet, und ihre Kindheitsfreundin Caro, scheinen zu hoffen, dass Leo sich demnächst wieder fest bindet. Caro hat mittlerweile drei Kinder und aktuell sogar ein Baby, dass Leo natürlich sofort besucht. Beide Freundinnen halten Konflikte, u.a. den des Kinderwunsches oder Nicht – Kinderwunsches gut aus. Und da sich Leo nun auf einer Plattform angemeldet hat und unterschiedlichste Männer trifft, ist Caro eine dankbare Zuhörerin, auch wenn es zum größten Teil um unerfreuliche Begegnungen geht, z.B. diesen Versicherungsvertreter, der kaum Zeit hat und sich trotzdem zum Essen mit Leo verabredet, um sich dann schnell zu verabschieden. Er hat sogar Leos Gericht bezahlt, allerdings fordert er später per PayPal die Summe zurück, da er sich ja nicht zu einem zweiten Date entschlossen hat. Leo hat übrigens in ihr Profil geschrieben, dass sie gern fremde Gräber auf dem Friedhof betreut. Was manche Männer als morbide Spinnerei betrachten, ist Leo sehr ernst. Sie gärtnert gern, hat aber weder einen Garten noch einen Balkon. Seltsam ist es, als Leo plötzlich Heide gegenübersteht, als sie das Grab von Heides Mann gerade vom Unkraut befreit. Wenn Eva Lohmann eines wirklich im Blick hat, dann den Zeitgeist:
„Man lebt heute in einer Zeit des ständigen Übergangs, einer Abfolge provisorischer Zustände. Nur die wenigsten Dinge wurden noch beschlossen, entschieden und durchgezogen, einfach weil die Welt es nicht mehr von einem verlangte. … Niemand legte sich mehr fest – und vielleicht hatte man verlernt, sich selbst festzulegen.“
Und so muss sie traurig feststellen, wie oft Kinder sich enthusiastisch für ein Tier aus dem Heim entscheiden und es die Eltern dann mehr oder weniger kleinlaut wieder zurückbringen. Oder Erwachsene mit der Verantwortung für ein wirklich geliebtes Tier, dass sie unbedingt haben wollten, nicht klarkommen, da sie es und seinen Gesundheitszustand nicht rund um die Uhr kontrollieren können. Leo macht die gleiche Erfahrung mit ihrer Dating-App. Sie konnte unendlich Zeit damit verbringen, ohne ein Ergebnis zu erlangen. Doch dann gibt es zwei Begegnungen in Leos Leben, die ihr die Augen über das öffnen, was sie wirklich will. Das ist zum einen Konrad, der scheinbar ideale Mann für Leo und zum anderen Heide, die lebenskluge Frau, die ein offenes Haus führt. Ob die Sehnsucht nach etwas Leichtem überhaupt realistisch, müssen die Lesenden allein herausfinden.
So viele fein beobachtete Sätze über Einsamkeit, Beziehungen und Lebensentwürfe könnte man in diesem manchmal urkomischen, unterhaltsamen, wie tiefgründigen Text unterstreichen, z.B. diese:
„Es gab eine Zeit, in der es keine Worte brauchte – und eine andere, in der es keine mehr gab. Dazwischen saß man sich gegenüber und schaute dem anderen beim Reden ins Gesicht.“
Sehr lesenswert auch für alle, die ihre Kinder lieben!