Holly Goldberg Sloan: Glück ist eine Gleichung mit 7, Aus dem Englischen von Wieland Freund, Carl Hanser Verlag, München 2015, 304 Seiten, €16,99, 978-3-446-24553-2

„Ich bin zwölf und habe schon zweimal meine Eltern verloren. Wenn man die Wahrscheinlichkeit berechnet, bei seiner Geburt zur Adoption freigegeben zu werden und 147 Monate und 7 Tage später ein weiteres Elternpaar zu verlieren, bin ich am äußersten Rand der Kurve. Ich bin das eine Prozent des einen Prozents.“

Willow Chance ist ein Mädchen, dass einem ganz schön Angst einjagen kann, denn Willow ist hochbegabt und hat für eine Zwölfjährige ungewöhnliche Fähigkeiten. In ihrem Zimmer türmen sich die Fachbücher über Medizin bis zur Decke und sie hat im äußerst heißen Klima Kaliforniens einen blühenden Garten angelegt.

Wenn Willow den Mund öffnet oder ihre Gedanken schweifen lässt, dann redet und denkt ein hochintellektueller Erwachsener. Und doch Willow ist ein Kind, das die Schule als Straflager empfindet und in ihrem Zahlenspiel mit der 7 für sich eine innere Struktur und einen Halt findet. Willow kann es nicht ändern, aber sie schwimmt immer gegen den Strom und so hat sie keine Freunde, hatte nie welche und wenn sie einen Test in Windeseile und mit voller Punktzahl absolviert, dann wird ihr unterstellt, dass sie schummelt.

Als verhaltensauffällige Schülerin landet sie so beim Sozialarbeiter Dell Duke. Sein Leben ist irgendwie aus den Fugen geraten. Er ist verschuldet, für seinen Job nicht gerade geeignet und doch erkennt er, dass Willow ein Genie ist. Aber dann schlägt das Schicksal auf unbegreifliche Weise zu und Willow verliert durch einen Unfall ihre Eltern. Für das Mädchen ein tiefer Verlust, den sie nur durch andauerndes Schweigen ertragen kann und den Rückzug in die Bibliothek, denn nur die Bücher geben ihr Geborgenheit. Dass Willow nicht in einem Heim landet, verdankt sie dem vietnamesischen Mädchen Mai, das gut zwei Jahre älter ist als Willow. Beide haben sich bei Dell Duke kennengelernt, denn Mais Bruder Quang-ha muss hier seine Stunden absitzen. Da Willow Mai mag und unbedingt mit ihr befreundet sein möchte, hat sie in Windeseile, nur Willow kann das, Vietnamesisch gelernt. Dell fährt die Kinder nach Hause und so steht Mai neben Willow als die Polizei die Nachricht vom Tod der Eltern überbringt.

Kurzerhand behauptet Mai, dass ihre Mutter Pattie, eine schwer arbeitende Frau in einem Nagelstudio, Willow aufnehmen wird, da die Familien sich schon lang kennen. Pattie öffnet nun weit ihre Arme für ein zutiefst erschüttertes Kind, das sie noch nie gesehen hat. Nur Quang-ha hasst die Veränderungen, die auf die Familie zukommen.

Pattie beschließt, auch für die Behörden, dass sie alle zu Dell Duke ziehen und er ein Zimmer beim Nachbarn mietet, denn Pattie lebt mit ihrer Familie in einer nicht vorzeigbaren, illegal besetzten Garage hinter dem Nagelstudio. Dells Wohnung zu entrümpeln ist die eine Sache, ihn aus seiner Lethargie herauszuholen eine andere.
Damit Willow zu ihrem Lieblingsort, der Beale Memorial Bibliothek, gelangen kann, ruft sie ab und zu ein Taxi. Der Fahrer Jairo Hernandez ist von Willows Art zu reden, genauso beeindruckt, wie die Mitarbeiterin vom Jamison – Kinderzentrum, die sich um Willow kümmern muss. Willow teilt dem Taxifahrer mit, dass er einer medizinischen Untersuchung zustimmen muss. Und sie hat recht. Danach fährt Jairo Willow wohin sie will, denn durch sie ist er irgendwie aufgewacht. Er weiß, dass er sich beruflich umorientieren will.

Auch Dells Sicht aufs Leben wandelt sich. Durch Patties Einzug gewinnt sein tägliches Dasein an Struktur.

„Aber er wusste, er war jetzt ein anderer. Und das zeigte sich nicht nur an kleinen Dingen. Sicher, er hatte sich den Bart getrimmt. Was seine Körperhygiene anging, hatte er die Messlatte in vielen Bereichen höher gelegt. Aber darin bestand die Mutation nicht. Es war mehr. Es war in ihm.“

Und als Willow beginnt Quang-ha schulisch unter die Arme zu greifen und das geschieht sehr diplomatisch, wandelt sich auch seine Sicht auf den Familienzuwachs.

Aber Willow wird nicht bleiben können, denn für sie wird schon längst nach einer Pflegefamilie gesucht.

Aus verschiedenen Blickwinkeln, ob aus Willows, Dells oder Patties Sicht, erzählt die amerikanische Autorin Holly Goldberg Sloan ihre ungewöhnliche Geschichte über einen großen Verlust, selbstlosen Zusammenhalt und Freundschaft. Willows Zahlenbesessenheit greift nicht mehr in der Phase der Trauer, in der alles zusammenbricht. Ohne Sentimentalität oder Gutmenschentum gehen fremde Leute auf Willow zu, übernehmen Verantwortung und sind einfach nur für sie da. Ohne Absicht beeinflusst das Kind dann einige von ihnen, schmiedet ohne es zu ahnen neue Beziehungen und sie legt wieder einen Garten an, der sie kurzzeitig von den Veränderungen in ihrem Leben ablenkt.

Keine Frage, diese Geschichte muss ein gutes Ende finden, dann das wünscht man Willow, die zwar einen scharfen Verstand hat, aber Zuneigung und Wärme genauso benötigt wie jeder andere Mensch auch.