Alex Schulman: Jetzt beginnt das Leben, Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Deutscher Taschenbuch Verlag. München 2026, 352 Seiten, €24,00, 978-3-423-28579-7

„Eine Weile glaubte ich sogar, die Flugzeuge hätten größere Bedeutung, ich stellte sie mir als Zeichen des Himmels vor, die interpretiert werden müssten, dass sie gewissermaßen den Schlüssel zum Rätsel darstellten. Doch all das wurde nichtig, als ich begriff, dass die entscheidenden Ereignisse des Tages völlig anderer Natur waren.“

Vidar Åkeby arbeitet als Geschichtslehrer in Stockholm. Der Fünfundvierzigjährige lebt allein und scheint ein ausgeglichener, freundlicher Mann zu sein, der seinen Beruf liebt und auch bei den Schülern anerkannt ist. Sicher hat sich vieles geändert, seit er als Lehrer begonnen hat zu arbeiten, denn immer wieder greifen Eltern in den Schulalltag ein und Kinder, laut Vidars Beobachtungen, werden verzärtelt und ihnen fehlt das Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft. Sie haben, wenn sie sich beschweren, immer Recht. Und so gerät Vidar, als er bei einer Prügelei den dreizehnjährigen, ziemlich aggressiven Johan Mellberg von seinem Gegner wegzieht, ohne Rückhalt der Schule in einen Strudel von elterlichen Vorwürfen.
Als Vidar dann auch aus Langeweile zu Hause die Sachen seines verstorbenen Vaters sortiert, fällt ihm ein altes Telefonbuch in die Hände. Nur so aus Spaß ruft er im einstigen Sommerhaus der Familie, das längst verkauft wurde, an. Sein Vater ist quicklebendig am Apparat, bei weiteren Anrufen dann auch seine Mutter, seine ältere Schwester Tora und auch er selbst als Kind. Erlebt Vidar, der sich nur an wenige Erlebnisse aus seiner Kindheit erinnern kann, möglicherweise einen psychotischen Schub oder helfen ihm diese ungewöhnlichen Gespräche mit den Familienmitgliedern bei seiner Aufarbeitung von Kindheitsmustern, die durch die dysfunktionale Familiengeschichte geprägt wurden?
Alex Schulmann gilt als Meister des psychologischen Familienromans und so lässt er seine Hauptfigur aus der Ich-Perspektive erzählen, um die Lesenden tief in die zum Teil auch skurrile Handlung hineinzuziehen.
Vidar erkennt nach und nach, dass er immer an ein und demselben Tag, dem 17. Juni 1986, bei seiner Familie im Sommerhaus anruft. Viele Kindheitserinnerungen kehren zurück, unter anderen auch die, dass sein Vater unter Verstopfung litt und nach der Lösung des banalen Problems den Satz sagte: „Jetzt beginnt das Leben!“ Vidar nimmt nun bei seinen Anrufen, nur ein Telefonat am Tag ist möglich, die Position von erfundenen Personen ein und beginnt, den scheinbar langweiligen Urlaubstag so durch Fragen und auch Provokationen in all seinen Details zu rekonstruieren. In seinen Erinnerungen schält sich heraus, welche negativen Auswirkungen das spannungsvolle Verhältnis seiner Eltern, offenbar ging der Vater fremd und die Mutter trank am Abend zu viel Alkohol, auf ihn und seine Schwester hatte. Vidars demente einst sehr attraktive, charismatische wie launische Mutter lebt seit Kurzem in einem Pflegeheim. Seine Schwester Tora hat sich völlig aus dem Familienleben gelöst. Sie ist verheiratet und lebt mit Mann und Kind in Norwegen und kümmert sich weder um die Mutter, noch hält sie Kontakt zu Vidar. Parallel zu Vidars Recherchen über den Sommertag vor fast vierzig Jahren, stellt sich heraus, dass er Mellberg bei der Prügelei wahrscheinlich doch mehr als nur gezogen hat. Ein Video belegt, dass der Junge etwas zu Vidar gesagt hat, dieser ihn darauf hin heftig angepackt hat, um dann zu weinen. Vidar ahnt, dass er nach der Suspendierung wohl kaum mehr in seinen Beruf zurückkehren kann, zumal polizeilich gegen ihn ermittelt wird und am Ende sogar ein Gerichtsverfahren aussteht. In einem Akt der Verzweiflung versucht er mehrmals, sich bei dem Kind zu entschuldigen, was jedes mal für Vidar katastrophal endet. Was hat Mellberg zu Vidar gesagt, dass dieser zum einen so ausrastet und zum anderen so verzweifelt ist? Letztendlich fehlt Vidar in seinen Erinnerungen an den Sommertag ein Zeitfenster am Abend. Könnte hier die Erklärung für Vidars aktuelles Verhalten in der Schule zu finden sein?
Wie beeinflusst die Kindheit unser Verhalten als Erwachsener? Wie tief sind die Verletzungen, die wir im Unterbewusstsein gespeichert haben, und die sich dann zum wirklich falschesten Zeitpunkt wieder bemerkbar machen und Reaktionen auslösen, die wir nicht steuern können?
Alex Schulmans Geschichte vom einsamen Vidar und seinem familiären Trauma klingt lang nach, bedingt sicher durch die ungewöhnliche Erzählstruktur, die Überschreitung aller Grenzen und die ambivalenten literarischen Figuren.