Anne Keßler: Die Lüge in ihrem Gesicht, Ullstein Verlag, Berlin 2026, 397 Seiten, €17,00, 978-3-548-07407-8
„Es war ihr vollkommen egal, warum Menschen logen. Ob sie es taten, weil sie Konflikte vermeiden, Beziehungen nicht gefährden oder Gefühle nicht verletzen wollten. Nur dass sie es taten, zählte für Marlene. Denn man log zum eigenen Vorteil; um sich Ärger zu ersparen oder sich gut fühlen zu dürfen. Eine Lüge war immer ein Hintergehen des Gegenübers, seine Bevormundung, ein Eingriff in dessen Selbstbestimmung.“
Prof. Dr. Marlene Nielsen verabscheut es aus tiefster Seele, wenn sie jemand anlügt und sie dies seinem Gesicht ablesen kann. Gnadenlos und intensiv schaut sie ihr Gegenüber an, achtet auf Mikroexpressionen und erkennt so die wahren Emotionen. Durch diese Fähigkeit, die sie sich antrainiert hat, ist auch ihre Beziehung zu Hauptkommissar Deniz Kurt in die Brüche gegangen, was dieser sehr bedauert. Diese Rigorosität und Konsequenz, das erfahren die Lesenden im Laufe der Handlung, geht bei Marlene auf ein Kindheitstrauma zurück. Als kleines Mädchen musste sie erleben, dass ihre ständig alkoholisierte Mutter sie permanent angelogen hat und ihr so jegliches Vertrauen in menschliche Beziehungen verloren gegangen ist. Trotz Trennung benötigt Deniz Kurt jedoch die Expertise von Marlene, denn auf seiner Hamburger Polizeistation sitzt eine Frau, die in der Nacht, und dazu gibt es Aufzeichnungen, beinahe vergewaltigt wurde. Nur ein harter Handkantenschlag konnte sie retten. Der Täter Sven Osterloh jedoch ist tot. Notwehr oder Mord? Da die Frau kein einziges Wort spricht, möchte Deniz, dass Marlene als Psychologin ihr ein paar Fragen stellt, um ihre Reaktionen zu testen. Für Marlene steht sehr schnell fest, dass die Tat dieser Frau eindeutig ein geplanter Mord war. Als sich dann herausstellt, dass die Frau ohne Papiere oder Handy und sogar entfernten Labels aus ihrer Kleidung am Tatort erschienen ist, verstärkt sich dieser Eindruck. Sie hatte sogar ihr Motorrad vor der Polizeistelle geparkt, um nach ihrer Entlassung schnell die Stadt zu verlassen. Die Namenlose hatte die volle Kontrolle und wusste, dass sie nach dem Termin mit dem Haftrichter mit Notwehr davonkommen würde. Marlene, die eigentlich mit ihren Vorlesungen und den Vorbereitungen auf eine Fachtagung in London beschäftigt ist, verbeißt sich in diesen rätselhaften Fall, der für Deniz Kurt allerdings abgeschlossen ist. Die Psychologin trifft sich mit Michel Osterloh, dem Vater des Vergewaltigers, und sieht auf der Beerdigung die Namenlose, die dem Vater des Opfers grinsend ihr Beileid ausspricht.
Anne Keßler erzählt ihren thematisch beeindruckenden Thriller aus verschiedenen Perspektiven; zum einen aus dem Blickwinkel von Marlene, dann aus der Sicht von Jonna Lund, der Namenslosen, die aus Dänemark stammt und aus der Perspektive von Michel Osterloh. Dass sich Marlene in diesen Fall einmischt und immer wieder versucht, der Polizei klarzumachen, dass Sven ermordet wurde, nervt zum einen die Täterin, die Marlene beobachtet, aber auch Deniz Kurt. Mit ihrer Hartnäckigkeit gelingt es Marlene, die das Warum dieser Tat so beschäftigt, Michel zum Reden zu bringen. Er hatte auch aus Notwehr in Dänemark auf einer Kirmes vor gut fünfundzwanzig Jahren einen jungen Mann erschlagen. Dass Jonna Lund, die Schwester des damaligen Opfers, nun möchte, dass der Mörder ihres Bruders Rasmus, der einst freigesprochen wurde, leidet, könnte den Kreis schließen. Doch Marlene gibt sich immer noch nicht mit dieser Erkenntnis zufrieden, denn sie ist nicht davon überzeugt, dass wirklich alles ausgesprochen wurde.
Einen psychologisch aufwühlenden Thriller über die Macht der Lügen zu schreiben, ist schon ein interessantes Unterfangen. Anne Keßlers Roman überzeugt durch die lebendigen wie ambivalenten Hauptfiguren und die Gedankenspiele rund um das Spannungsfeld Lügen, Schweigen und Wahrheit.
Empfehlenswert!