Rebecca Taylor McKay: Er lügt . Doch ist es der Sommer der Wahrheit, Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus, Rowohlt Verlag / Polaris, Hamburg 2026, 413 Seiten, €18,00, 978-3-499-01789-6

„Kann das wirklich sein? Könnte Spencer schon einmal mit einer anderen Person hier gewesen sein? Einer anderen Frau? Einer anderen Ehefrau?“

Das Ehepaar Carmichael reist vom regnerischen London an die sonnige Amalfiküste nach Positano, wohnt im besten Haus am Platze und will seine Flitterwochen ein Jahr nach der Hochzeit nachholen. Es ist das Jahr 1961.
Rebecca Taylor McKay lässt die zu Beginn noch namenlose Ehefrau als Ich-Erzählerin von den Geschehnissen in diesem August berichten. Aber sie schaut auch ins Jahr 1960 zurück und ins Jahr 1963. Die rothaarige, attraktive Ich-Erzählerin wird von ihrem charismatischen wie gut aussehenden Mann Bambi oder Dummchen genannt, was Leserinnen heute etwas befremdet. Da sie wohl einen Nervenzusammenbruch hatte, war die Ich-Erzählerin angeblich ans Bett gefesselt. Der treusorgende Ehemann Spencer versorgt sie nun im Urlaub mit Medikamenten und ständigen Anweisungen, was sie zu tun und zu lassen hat. Als jemand dann einen Zettel unter der Tür hindurchschiebt, beginnt die Ich-Erzählerin, die sich an diesem Urlaubsort irgendwie unwohl fühlt, langsam aufzuwachen. Sie weiß, das sie nicht mehr die Person ist, die sie mal vor einem Jahr war. Dass sie als Waise und unbedeutende Schreibkraft sich den smarten wie wohlhabenden Firmeninhaber geangelt hat, verwundert sie bis heute. „Er lügt.“ steht auf der Botschaft. Da das Ehepaar kaum kommuniziert und jegliche Fragen der Ehefrau mit schlechter Laune von Spencer abgeschmettert werden, ahnen die Lesenden, dass dieser Ort an der Küste ein Geheimnis verbirgt. Die Ich-Erzählerin lernt dann wie per Zufall im Hotel das Ehepaar Lambert kennen. Vivian und Fred, deren kleines Kind von Vivians Eltern gehütet wird, suchen den Kontakt zu den Carmichaels, was Spencer nicht erfreut. Langsam glaubt die Ich-Erzählerin, dass ihr Ehemann mit einer anderen Frau vor einem Jahr im gleichen Hotel zusammen war. Allerdings war er ja zu diesem Zeitpunkt mit ihr verheiratet. Im Meldebuch des Hotels, Vivian hatte diese Idee angeschoben, entdeckt sie dann ihren Namen: Clara Carmichael. Spencer muss endlich die Wahrheit sagen und ihr erklären, warum er sie so im Ungewissen gelassen hat und warum es offenbar einen Zeitraum gibt, an den sie sich nicht erinnern kann. Dass das Ehepaar Lambert auch vor einem Jahr schon im Hotel gewohnt hat, überrascht Clara dann und sie beobachtet, dass Spencer und Vivian sich offenbar doch besser kennen als sie zugeben.
Es dauert ziemlich lang, ehe die englische Autorin in ihrem Debütroman Spannung aufkommen lässt. Atmosphärisch genau beschreibt Rebecca Taylor McKay die traumhafte Amalfiküste, die besondere Landschaft, das tiefblaue Meer und vor allem die allzu hohen Küstenfelsen. Vieles im Handlungsverlauf wirkt konstruiert, so psychologisch aufgeladen die Lesenden in falsche Richtungen führen und ist am Ende nur noch theatralisch, zumal beiden Männern etwas widerfährt, was man niemandem wünscht.