Karin Slaughter: Tödliches Verderben, Aus dem amerikanischen Englisch von Simone Schroth und Birgit Schmitz, Verlagsgruppe HarperCollins, Hamburg 2026, 558 Seiten, €24,00, 978-3-365-01469-1
„Es gab zu viele Namensüberschneidungen, zu viele Zufälle, zu viele Leute, die Geheimnisse verbargen, Lügen erzählten und sich in Sicherheit wähnten. … Aber eine wichtige Sache übersahen sie, nämlich dass Emmy jedes Rädchen in dem Getriebe kannte, das diese Stadt am Laufen hielt.“
Emmy Cliften ist die ehrwürdige Nachfolgerin ihres Vaters, des Sheriffs Gerald Clifton, in North Falls, einer Kleinstadt irgendwo in Georgia. Doch nun ist Gerald vor einem halben Jahr gestorben und auch seine demente Frau Myrna ist ihm gefolgt. Sieben Jahre lang hat sie, die eine eher pragmatische doch nie liebevolle Mutter war, ihre Familie mit ihrer Krankheit tyrannisiert. Auf der Beerdigung nehmen die drei Kinder, Emmy, Tommy und Jude nun Abschied. Und da die Clifton – Familie recht groß ist, parken auch alle kreuz und quer vor der Kirche, da sie wissen, dass sie als Angehörige ( auch Emmys Sohn Cole ist Polizist ) keine Strafe zahlen müssen. Auf dem Weg zum Leichenschmaus verpasst Emmy eine Abfahrt und muss einen Umweg fahren. Sie hört Schüsse und gerät mit ihrer älteren Schwester Jude ( die eigentlich ihre Mutter ist und nach Jahren wieder zur Familie zurückgekehrt ist ), der einstigen FBI-Agentin, in eine Schießerei. Dabei ermordet der Täter, der ungesehen fliehen kann, Allison Vickery, von der die Lesenden im Prolog bereits erfahren haben, dass sie mit ihrer sechzehnjährigen Tochter Mandy auf der Flucht ist. Mandy überlebt trotz Kopfschutz den Überfall wie durch ein Wunder.
Allison war Detective für das Clayville Police Department, musste aber den Dienst quittieren und arbeitete dann als Privatermittlerin. Emmy und Allison kannten sich sehr gut und Emmy wusste auch, dass Allison sich endlich von ihrem brutalen Ehemann Bill Garrison scheiden lassen wollte. Dass sie zehn Jahre sich immer wieder verprügeln ließ, Bill nicht anzeigte und Ausreden fand, die seine Taten entschuldigten, konnte Emmy nie verstehen. Als Mandy sechs Jahre alt war, trat Bill in ihr Leben und sie musste all die Zeit mit den gewalttätigen Ausbrüchen des Stiefvaters, der sie nie anrührte, leben. Auch bei der Wahl ihres Liebhabers hatte Allison kein Glück. Reggie Wilder, ihr Vorgesetzter, verhielt sich nicht wie ein liebender Mann, auch wenn er nach der Ermordung von Allison nun mit allen unredlichen Mitteln versucht, ihrem Ex-Mann Bill den Mord in die Schuhe zu schieben. Im Laufe der Handlung wird sich herausstellen, dass Shane Russell, der Vater von Mandy, der nach sechzehn Jahren Gefängnisstrafe auf freiem Fuß ist, Allison hatte ihren Anteil an der Bestrafung, ebenfalls ein Monster ist.
Emmy versucht nun mit Judes Hilfe, gegen die sie sich jedoch anfangs gewehrt hat, mit den Recherchen. Warum findet die Spurensicherung dreihunderttausend Dollar und zwei gut gefälschte Führerscheine auf dem Dachboden? Hat Allisons Tod mit ihrem Wissen über die sogenannte Giglio-Liste zu tun? Diese Liste umfasst die Polizisten, denen man nicht mehr trauen kann? Stand sogar Emmys Vater auf der Liste, da er korrupt war? Und wer forcierte Allisons Probleme bei der Polizei? Emmy erfährt von Mandys bester Freundin Talia Wilkinson, dass sie offenbar Kontakt zu einem erwachsenen Mann hatte. Aber weder die Haustürkameras noch andere Aufnahmen zeigen sein Gesicht. Kann es sein, dass Mandy vom stadtbekannten Drogenhändler Weley „Woody“ Woodrow besucht wurde? Und was hatte Woody mit Gerald zu schaffen? Und was hat all dies mit einem ominösen Gerichtsprozess zu tun?
In über 500 Seiten umkreist Karin Slaughter in linearer wie flüssiger Erzählweise in diesem zweiten Band Emmys akribische und genaue Polizeiarbeit und ihre Hoffnung, dass ihr Vater sich nicht als korrupter Bulle entpuppt. Doch die Handlung, in der die männlichen Protagonisten ihre Beziehungen nur durch Kontrollwahn und Schläge aufrecht erhalten können, bewegt sich kaum vom Fleck und die ständigen Redundanzen um bekannte Fakten ermüden beim Lesen. Unverständlich bleibt, warum eine kluge, geschätzte Polizistin unzeitgemäß so schwach und unterwürfig ist und sich Männern gegenüber immer klein macht im Privaten, sogar hinnimmt, jahrelang körperlich gezüchtigt zu werden. Auch Emmys loyale Komplizenschaft der Freundin gegenüber, gerade auch als Polizistin, bleibt ein Rätsel.
So spannend und tiefgründig der erste Band ist, so zäh, ereignislos und in bestimmten Szenen auch unverständlich liest sich der zweite. Mag die Auflösung des Mordfalls dann wiederum ungewöhnlich sein, so zieht sich alles zu sehr in die Länge. Schade.
Eine Besprechung des ersten Bandes „Dunkle Sühne“ ist hier zu finden: