Chris Chibnall: Septembermord, Ein Fall für Bridge und Ward, Aus dem Englischen von Leena Flegler, Piper Verlag, München 2026, 415 Seiten, €18,00, 978-3-492-06881-9

„Ihr Herz raste wie wild. Ihr Ermittlerinstinkt hatte sich zurückgemeldet, und diesmal würde sie genau hinhören müssen.
Ein unangenehmer Gedanke nahm in ihr Gestalt an.
Sie hatte etwas übersehen.
Sooft sie sich alles angesehen hatte, war sie nicht in der Lage gewesen, es zu durchschauen.“

Detective Sergeant Nicola Bridge fragt sich, seit sie mit ihrer Familie von Liverpool nach Dorset, ihrer alten Heimat, umgezogen ist, ob sie nicht doch einen Fehler gemacht hat. Die achtunddreißigjährige Ermittlerin hat nicht nur extreme Schlaf-, sondern auch Eheprobleme. Der Umzug vom Norden in den Süden Englands sollte ein hoffnungsvoller Neuanfang mit Ehemann Mike und ihrem siebzehnjährigen Sohn Ethan werden, wo sie keine kriminellen Banden, Vergewaltiger oder Mörder verfolgen muss und endlich normale Arbeitszeiten auf sie warten. Doch Nicola Bridges Erwartungen von der Dorfidylle verfliegen schnell, denn kaum angekommen, erhält sie mitten in der Nacht einen Anruf. Auf der Zufahrtsstraße A35 befindet sich eine grausig drapierte männliche Leiche. Der halbnackte Mann sitzt bekleidet mit einem Kartoffelsack auf einem Stuhl und auf seinem Haupt wurde ein Hirschgeweih festgetackert. Gemeinsam mit Nicola soll der gut aussehende Quereinsteiger Detective Constable Harry Ward diesen Fall lösen. Harry ist gut zehn Jahre jünger und spürt sofort, dass Nicola ihm nicht viel zutraut. Schnell stellt sich heraus, dass der Tote Jim Tiernan heißt und der Wirt des beliebten Pubs White Hart in Fleetcombe ist.
Chris Chibnall lässt nun die Bewohner des kleinen Ortes, wie Patricia, die Schwester des Opfers, aber auch Frankie, den Friseur, Eddie, den Paketfahrer, Shannon, ein junges Mädchen sowie die Ermittler aus der personalen Perspektive erzählen. Jim Tiernan arbeitet noch nicht lang im Pub und ist außerdem wegen Betrugs vorbestraft und saß auch ein Jahr im Gefängnis. Beschrieben wird er als charismatisch und eins musste man ihm lassen, er hat White Hart wieder zu Leben erweckt. Zumal noch ein weiterer Pub an dem kleinen Ort existiert, der allerdings mit gehobener Küche eher zahlungskräftige Gäste anlockt. Nicola Bridge und Harry Ward stoßen bei ihren Befragungen auf viele Unstimmigkeiten und ziemlich aggressive Dorfbewohner, die der Polizei nicht vertrauen. Die Todesursache, so die Pathologie, ist eine Vergiftung. Und Nicola und Harry erfahren, dass bereits vor einhundert Jahren ein ähnlicher Fall im gleichen Ort die Einwohner in Unruhe versetzt hatte. Und genau so wie damals ging den Morden jeweils ein Feuer voraus. Auch auf Bauer Deakins Land hat es vor dem Leichenfund gebrannt. Was den Ermittlern fehlt, ist das Motiv. Das Jim Tiernan, dessen Buchführung mehr als undurchsichtig ist, sich für den Pub von einem windigen Geschäftsmann Geld geborgt hat, und dieser ihn bedrohte und zur Geldwäsche überreden wollte, taugt als Mordmotiv kaum. Erst als Shannon, die sich nachts oftmals einen Schlafplatz in geparkten Autos sucht und allein mit ihrer lieblosen Mutter, die irgendwelche Kerle in ihr Bett lässt, lebt, Nicola vertraut und eine Aussage macht, kommt endlich Bewegung in den Fall. Auch wenn Nicola am Ende allein alle Puzzleteile zu einem ganzen Bild und somit wahren Tatmotiv zusammensetzt, bilden Harry und sie im Laufe der Handlung ein gutes Team.
Chris Chibnall ( Autor der erfolgreichen Serien „Broadchurch“ oder „Agatha Christie’s Seven Dials“ ) schafft es in seinem Debütroman interessante Figuren im atmosphärisch genau beschriebenen Dorfkosmos überzeugend zusammenzuführen und vor allem am Ende mit einem ausgeklügelten Plot-Twist zu überraschen. Ganz besonders interessant ist bei diesem ersten Band der neuen Krimireihe die lebenskluge Ermittlerin, die durch ihre Lebenskrise glaubte, ihren Ermittlerinstinkt verloren zu haben. Aber sicher wird auch Harry Ward in den kommenden Romanen noch seine Sternstunden erleben.

Empfehlenswert!