Andrea Mara: Alles ihre Schuld, Aus dem Englischen von Andreas Jäger, Goldmann Verlag, München 2026, 448 Seiten, €17,00, 978-3-442-49751-5

„Am Ende war es nicht genug, dass Milo wieder da war und die Menschen, die ihn entführt hatten nicht mehr lebten – sie brauchte eine Antwort auf das Warum, nicht nur auf das Wer.“

Von einer Sekunde auf die andere verändert sich das Leben der wohlhabenden Familie Irvine. Marissa arbeitet in einer angesehenen Kanzlei und Peter ist als Investmentmakler tätig. Sie leben in bester Lage in einem großzügig geschnittenen Haus in Dublin und leisten sich wie auch die Nachbarn eine Nanny, die ihren vierjährigen Sohn Milo am Morgen und an den Nachmittagen betreut. Als Marissa jedoch ihren Sohn nach einem Spielnachmittag bei Jenny Kennedy und ihrem Sohn Jacob abholen will, stimmt die Adresse nicht. Eine fremde Frau öffnet die Tür. Wo ist Milo?
Seine Nanny Ana, eine junge Frau aus Peru, hatte an diesem Nachmittag frei und eigentlich sollte Jenny, wie per Textnachricht verabredet, das Kind nach der Schule mitnehmen. Doch all dies ist nicht geschehen. Jenny befindet sich auf einer Dienstreise in Paris und ihre fünfundzwanzigjährige Nanny Carrie Finch ist unauffindbar. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass Carrie offenbar Milo nach der Schule abgepasst hat. Jacob hingegen verbrachte bei einem anderen Kind aus der Schule den Nachmittag. Die verzweifelten Eltern benachrichtigen die Polizei und die Suche nach Milo, der laut seiner Mutter ein so begabtes Kind sei und vor allem Synästhetiker.
Andrea Mara erzählt ihren absolut spannenden Thriller nicht aus der Perspektive der polizeilichen Ermittlungsarbeit, sondern aus den unterschiedlichen Blickwinkeln von Marissa, Jenny und Irene, der Mutter von Carrie. Aber auch Carrie berichtet recht abschätzig von ihrer Arbeit in der Familie Kennedy. Die irische Autorin fokussiert sich zum einen auf die Mutter – Kind – Beziehungen, aber auch die Sicht der Gesellschaft auf die arbeitenden Mütter, die die Erziehung an junge wie unerfahrene Frauen abgeben. Wie gut kennt man die anfangs doch fremde Person wirklich, die wahrscheinlich mehr Zeit mit dem Kind verbringt als die eigenen Eltern? Wie leicht ist es, Arbeitszeugnisse und Telefonate zu fälschen, um ohne Hindernisse in eine Familie einzudringen, und hier jeden Winkel durchsuchen zu können? Carrie jedenfalls hat ihre eigene Mutter Irene seit neun Jahren nicht mehr gesehen. Beider Verhältnis war mehr als konfliktreich, zumal Carries Vater Rob Murphy die schwangere Irene verlassen und eine Karriere als Berufskrimineller eingeschlagen hatte. Dass Carrie Kontakt zu ihrem Vater aufgenommen hatte, muss Irene erkennen, als die Ermittler bei ihr vor der Tür stehen. Irene wittert, sogar noch als ihre Tochter ermordet wird, das große finanziell lohnende Geschäft mit den Medien. Nach und nach stellt sich heraus, dass Carrie Jenny und ihren Mann Robie in vielem angelogen hatte. Jenny fühlt sich besonders schuldig, da ihre Nanny Carrie Milo entführt hat und ihre Schwiegermutter sie nun noch mehr als Rabenmutter abstempeln kann. Jenny sucht die Nähe von Marissa und will unbedingt helfen. Doch kein Entführungsschreiben erreicht die Irvines und der schreckliche Gedanke macht sich breit, dass Milo in die Hände von Kinderschändern geraten sein könnte. Als dann auch noch klar wird, dass Ana, Milos Nanny, und Carrie viele gemeinsame Nachmittage auf Spielplätzen verbracht haben und Carrie Ana regelrecht nach Milos Lebensumstände ausgefragt hat, scheint hinter dieser Entführung etwas völlig anderes zu stecken.
Und dann auf einmal findet ein Zusteller nach fast einer Woche den schlafenden Milo in einem verschlossenen Auto. Die überglücklichen Eltern lassen ihr Kind nun nicht mehr aus den Augen, denn sie wissen, so lange die Schuldigen nicht gefasst sind, haben sie keine ruhige Minute. Doch seltsamerweise kommen alle Beteiligten an der Entführung ums Leben und offen bleibt die Frage, aus welchem Grund wurde Milo wirklich entführt und weshalb hat das Kind nun eine neue Haarfarbe.
Spannend bis zur letzten Seite liest sich dieser packende Roman, der aktuelle gesellschaftliche Fragen aufwirft, die insbesondere die Carearbeit in Familien und die neuen Konflikte zwischen Ehepartnern, wenn Kinder im Zentrum der Familie stehen, betreffen.

Empfehlenswert!