Petra Morsbach: Orion, Penguin Verlag, München 2026, 416 Seiten, €26,00, 978-3-328-60073-2

„Die Menschen, die ich traf, und die Bücher, die ich las, gingen durch mich hindurch, und nicht mal ich kenne die Chemie, nach der manche – sogar solche, mit denen ich intim war – spurlos verschwanden und andere, die ich vielleicht nur einmal traf, einen Volumengewinn für immer bedeuteten. Ich bin eine Mischung aus Oma Auguste und ihren Liedern, meinen Eltern, den Brontës, Isolde, Leonore, René, Gabriele, Ebner und naturlich Theseus und Enni und, klar, auch Tobi, der in die Familie hineingewachsen ist. Ich erlebe sie alle als Reichtum.“

Als Nora Meyer, die Ich – Erzählerin, fünfundzwanzig Jahre alt ist und mit einem ihrer ersten Freunde über das Gewicht des Reisekoffers debattiert, ahnt dieser kaum, wie viele Bücher sie in den Urlaub mitnehmen will. Als sie mit großer Freude ein paar Bücher gelesen hat, entdeckt sie die „Ilias“ von Homer und als ihr Freund dann sarkastisch fragt, was sie denn jetzt noch lesen könnte, holt sie Thomas Manns Werk „Joseph und seine Brüder“ aus den Tiefen des Gepäcks. Hohe Literatur bedeutet für Nora Lebenshilfe und Orientierung in fremder Erfahrung. Sie wird sie ablenken, umarmen, ihr Kraft geben und über sechs Jahrzehnte hinweg in Liebesdingen, als eine Geburt bevorsteht und sie sehr krank wird, beraten.
Am inneren Auge der Lesenden zieht Noras Leben vorbei und immer werden die Menschen, die Noras Weg streifen, mit Leseerlebnissen verbunden sein, sogar mit Zitaten im Buch.
Die junge Frau lernt einen zehn Jahre älteren verschrobenen Archivar kennen, Dr. Theseus Dellendrücker. Zu ihrer eigenen Überraschung, keine weiteren Anwärter sind in Sicht, wird sie ihn heiraten und ihren gemeinsamen Sohn Aeneas, genannt Enni, großziehen.

„Theseus war zusagen die Pflichtlektüre meines Lebens gewesen. Ich hatte mir einst eingebildet, dieses Buch lesen zu müssen, und es nie verstanden. Er seinerseits hatte mir vergeblich auf seine vertrackte Art getraut.“

Die Ehe ist nicht unglücklich, aber lieblos und so nimmt sich Nora einen Liebhaber, dessen Existenz, auch wenn die Affäre längst beendet ist, Theseus nicht verwinden kann. Nora lässt sich nach zwanzig Jahren scheiden und genießt die Freiheit zu reisen. Allerdings verschlechtert sich das Verhältnis zu ihrem erwachsenen Sohn Enni, der ihr oft ihre alles einnehmende Leseleidenschaft vorgeworfen hat, den Fehltritt und eher frauenfeindlich durchs Leben geht. Oft fragt sich Nora, die als Deutsch- und Geschichtslehrerin an einem angesehenen süddeutschen Gymnasium lange Jahre tätig war, was sie vielleicht in ihrer Erziehung falsch gemacht hat. In vielen Geschichten über Lehrer wie Schüler offenbaren sich Nora große Veränderungen gerade im Bildungsbereich, in dem sie am Ende sich vehement für die Lehre der alten Sprachen einsetzt.

„Dass Eltern ihr pädagogisches Versagen durch Vorwürfe gegen Lehrer wettmachen wollten, kam immer wieder vor. Wir mussten die Eltern miterziehen.“

Durch eine schwere Krankheit muss Nora den Schuldienst jedoch verlassen und in Frührente gehen. Aber auch in dieser Zeit verliert sie ihre Leidenschaft nicht aus den Augen und sucht doch immer wieder nach Kontakt zu Menschen, die sie fordern. Genaueste Schilderungen und kluge Beobachtungen von anderen individuell Lebenswegen von unterschiedlichen Menschen aus allen Milieus beleben den Roman und natürlich die vielfältigen Leseempfehlungen, die einfach wieder Lust auf Entdeckungen in eigenen Bücherregal oder in Bibliotheken macht.