Guillaume Musso: Die fremde Frau, Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Barbara Reitz, Piper Verlag, München 2026, 331 Seiten, €18,00, 978-3-492-06646-4

„Ein innerer Feind ….
Jetzt wurde Justine einiges klar. Die festgefressenen Zahnräder ihres Gehirns lösten sich und griffen wieder ineinander, sodass sich für das Rätsel, vor dem sie von Anfang an gestanden hatte, eine Lösung abzeichnete.“

Im Zentrum dieses fein komponierten Romans mit vielen literarischen Anspielungen ( mit Quellenverzeichnis ) steht eine imposante Italienerin, die in ihrem bisherigen Leben so einiges durchgemacht hat. Oriana Di Pietro ist nicht nur eine reiche Erbin, sondern auch erfolgreiche politische Journalistin und Verlegerin. Die Achtunddreißigjährige hat zwei kleine Kinder und ist mit dem bekannten Jazzpianisten Adrien Delaunay verheiratet. Um sich zu entspannen, hält sich Oriana allein auf ihrer Jacht in der Nähe von Cannes auf und wird von einem Mann im Taucheranzug brutal ermordet. Zwar wird sie gefunden, erwacht auch kurz aus dem Koma auf, verstirbt dann aber. Der Ermittlungen in ihrem Fall ziehen sich hin und führen kaum zu Ergebnissen. Auch nach einem Jahr steht die Polizei in Nizza vor einem Rätsel.
Der französische Autor Guillaume Musso erzählt zeitversetzt aus den Perspektiven von vier Personen, zum einen ist da Oriana, dann ihr Mann Adrien, seine angebliche Geliebte Adèle und schließlich Commandante Justine Taillandier.
Als dann jedoch ein anonymer Anrufer der Polizei den Hinweis gibt, dass die Tatwaffe im Bootshaus der Di Pietros versteckt ist, nimmt die Geschichte wieder Fahrt auf. Die Polizei findet Blut und Haare von Oriana und Fingerabdrücke ihres Mannes auf der Waffe.
Adrian wird verhaftet und das Verhör in Nizza beginnt. Aus Justines Blickwinkel wird nun berichtet, wie sehr sie gerade von ihrem Vorgesetzten unter Druck gesetzt wird. Erfolge müssen her und dabei hilft ihr der erfahrene Ermittler Giuse Bergomi. Justine braucht Unterstützung, denn sie hadert mit ihren privaten Problemen. So hat sich ihr Mann, der nie Kinder wollte, von ihr getrennt, um mit einer jüngeren Frau eine neue Beziehung einzugehen und sie zu schwängern. Justine hat acht Kilo zugenommen und fühlt nur noch Wut und Bitterkeit. Als ihre Mutter, zu der sie kein gutes Verhältnis hat, ins Krankenhaus kommt, muss die Vierundvierzigjährige sich auch noch um sie kümmern. Während das Verhör andauert, erfahren die Lesenden so einiges über Orianas Vergangenheit. Durch einen Autounfall, den das Kind überlebte, hat Oriana ihre Mutter verloren. Vor kurzem verstarb ihr Vater, dem sie etwas erzählte, was ihn sehr schockiert hat.
Geheimnisse schwirren durch den gesamten Roman und vieles erscheint einem Wunder gleich unglaubwürdig. So erkrankt Oriana an einem unheilbaren Tumor und erlebt, dass sich der Krebs einem Märchen gleich im Körper auflöst. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Oriana, eine Frau, die alles unter Kontrolle haben muss, bereits eine neue Gefährtin für ihren Mann und liebevolle Mutter für die Kinder ausgesucht. Der kühle intellektuelle Musiker verliebt sich in Adèle, deren Tagebuchaufzeichnungen die Ermittler finden, behauptet dann jedoch im Verhör, dass er sie nie gekannt habe. Beim Verhör hat Justine am Ende sogar einen Ass im Ärmel, denn sie konnte die kurz aus dem Koma erwachende Oriana befragen, die ihren Mörder erkannte. Voller Begeisterung stürzt sich die Presse auf den für sie und die Ermittler schuldigen Adrien. Doch für Justine bleiben Zweifel, denn in dieser Geschichte über reiche, wie begabte Menschen geht es natürlich um sehr viel Geld und wie sich herausstellen wird, auch um eine schwerwiegende psychische Erkrankung. Die Polizistin in der Krise wird mit Giuse Bergomi hartnäckig nach dem wahren Mörder suchen, um dann den Dienst bei der Polizei zu quittieren.
„Die fremde Frau“ ist ein spannend konstruierter, ziemlich tragischer Roman, der die Lesenden, die glauben, alles verstanden zu haben, immer wieder durch ungeahnte Wendungen aufs Glatteis führt.
Und wie immer beeindruckt Guillaume Musso durch seinen flüssigen Schreibstil und die gut gesetzten Cliffhanger.
Unterhaltsam!