Steve Cavanagh: Kill for me, Aus dem Englischen von Peter Beyer, Goldmann Verlag, München 2026, 512 Seiten, €17,00, 978-3-442-49403-3
„Mit Schmerz kannte sie sich aus. Er war wie eine Bestie gewesen, die mittlerweile seit Monaten in ihr gehaust hatte. Doch das hier, dieser Verrat, war eine andere Art von Monster, und seine Krallen zerfleischten sie auf eine ganz andere Weise.“
Der Schauplatz dieses Thrillers ist New York, die Stadt, die niemals schläft und in der auch grausame Verbrechen geschehen. So ändert sich das Leben der jungen Mutter und Ehefrau Amanda White, nachdem ihr Mann Luis nur einen kleinen Moment auf dem Spielplatz nicht aufgepasst hat.
Seine sechsjährige Tochter Jess verschwindet spurlos. Ihr toter Körper wird später in einem Müllcontainer gefunden. Für die Eltern ist der Schmerz um das Kind kaum auszuhalten und letztendlich begeht Luis bedingt durch die quälenden Schuldgefühle Suizid. Der erfahrene, aber auch gesundheitlich vom Dienst gezeichnete Polizist Andrew Farrow und seine Kollegin Karen Hernandez müssen hilflos zusehen, wie der schon mehrmals wegen Missbrauch Beschuldigte, der sechsundzwanzigjährige Wallace Crone, dank der gut bezahlten Anwälte seines reichen Vaters auf freien Fuß gesetzt wird.
Steve Cavanagh erzählt multiperspektivisch, und das stellt sich erst später heraus, auch zeitversetzt und gewährt den Lesenden so einen umfangreichen Einblick in die Geschehen in den Jahren 2007 und 2018.
Neben Amandas Geschichte geht es auch um den brutalen Überfall auf Ruth Gelman. Sie wurde von einem Unbekannten mit stechenden, blauen Augen schrecklich zugerichtet. Die Polizei nennt den Serientäter den „Schlächter“. Dass Ruth die gewaltsame Attacke in ihrem Haus überlebt hat, verdankt sie einem Notwageneinsatz in ihrer Nähe. Ruth und ihr Mann Scott, ein leitender Prozessanwalt, müssen nun alle Träume von einem glücklichen Leben begraben. Ruth wird keine Kinder bekommen und sie ist durch die Geschehnisse in dieser Nacht völlig traumatisiert. Dass sie selbst eine Gefahr für andere Menschen werden könnte, erkennt nur Scott.
Amanda indes unternimmt einige fehlgeschlagene Versuche, Wallace Crone zu töten. Als sie gerichtlich dazu verpflichtet wird, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, lernt sie Wendy kennen. Beide Frauen verbindet der Schmerz um ihre getöteten Kinder und so vereinbaren beide, stark alkoholisiert, dass Wendy Wallace Crone und Amanda den Mörder von Wendys Tochter tötet.
Vorbild für Wendys Idee ist der Hitchcock – Film „Der Fremde im Zug“ nach der literarischen Vorlage von Patricia Highsmith. Als Wendy kaum einen Tag später Amanda dann ausführlichst beschreibt, wie sie Wallace Crone ermordet hat, gibt es für die nun doch zweifelnde Amanda keinen Ausweg. Wendy hat alles bestens ausgekundschaftet. Doch Amanda kann sich nicht dazu durchringen, die Tat auszuführen. Als sie dann jedoch dem angeblichen Mörder von Wendys Tochter gegenübersteht, muss sie ihr Leben verteidigen und tötet den Mann. Seltsam ist, dass Amanda Wendy nicht mehr erreichen kann und kurze Zeit später stellt sich heraus, dass Wallace Crone noch lebt. Amanda schaut nun in einen tieferen Abgrund als je zuvor, denn sicher wird die Polizei forensische Treffer von ihr finden. Außerdem beobachtet sie ein Mann schon eine Weile, der sie dann vor den verfolgenden Polizisten rettet. Billy Cameron behauptet, ebenso wie Amanda Opfer von Wendys Manipulationstechniken geworden zu sein. Allerdings hat er den geforderten Mord nicht begangen.
Ab dieser Stelle im Roman kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, denn zu viele Fragen sind kaum geklärt. Wer ist Wendy? Wer ist dieser Billy Cameron? Warum erfahren die Lesenden so viel von Ruths Tragödie? Wer ist der Schlächter? Und wie kann Amanda dem Polizisten Andrew Farrow, der sie nach ihrem Verlust so getröstet hat, in die Augen schauen? Denn er weiß, dass sie die Täterin ist.
Der irische Autor Steve Cavanagh erzählt absolut rasant und zugleich berührend von Amanda, der Frau die alles verloren hat, von hilflosen, aber doch engagierten Polizisten, einer Justiz, die Missbrauchstäter nicht verurteilen kann, von einem gefühlvollen wie dankbaren Psychopathen, Verzweiflung und Traurigkeit und vor allem von der Sehnsucht nach Rache und Erleichterung.
Beunruhigt schließt man diesen Roman, denn längst nicht alle Fragen finden eine Antwort.
Richtig gut!