Nicci French: Finstere Schatten, Aus dem Englischen von Birgit Moosmüller, C.Bertelsmann Verlag, München 2026, 480 Seiten, €17,00, 978-3-570-10499-6
„Man hatte sie aus der Klinik entlassen, weil sie auf eine kollektive Version ihrer Geschichte eingeschwenkt war, der zufolge sie an Wahnvorstellungen litt. Wenn sie jetzt gleich nach ihrer Entlassung wieder zu der anderen Nancy mutierte, die glaubte, dass Kira ermordet worden war, sich von ihren Nachbarn hereingelegt fühlte, und das dringende Bedürfnis hatte, Felix zu verlassen, was würde dann passieren?“
Nancy North hört Stimmen, mal freundliche, dann wieder sehr aggressive und das schon ihr ganzes Leben lang. Aber sie hat diese psychotischen Schübe dank Tabletten und Therapeutin im Griff, glaubt sie. Als sie dann aber ihr eigenes kleines Restaurant in London eröffnete, führte die Belastung durch die anstrengende Arbeit für Nancy zum großen Fiasko und zur vorzeitigen Schließung. Nun muss sie mit ihrem Freund Felix Lindberg nach Harlesden umziehen. Ein Freund von Felix überlässt ihm seine sehr kleine, hellhörige Wohnung und somit kennt er bereits einige Nachbarn. Doch kaum angekommen, und die Lesenden sind den Protagonisten im Thriller etwas voraus, geschieht der Mord an der jungen Kira Mullan. Der oberflächlich arbeitende und von sich sehr überzeugte Ermittler in diesem Fall, DI Danny Kemp, kommt sehr schnell zu dem Schluss, dass die Dreiundzwanzigjährige Selbstmord begangen hat. Allerdings hatte Nancy Kira an dem Tag kurz getroffen und sie erinnert sich daran, dass die junge Frau völlig verängstigt war. Doch warum kaufte sich Kira noch ein überteuertes schickes Kleid für eine Party und war glücklich und einen Tag später so am Boden?
Nancy jedenfalls behauptet fest und steif, dass Kira sich nicht erhängt haben kann, zumal sie ihren Freund, der von einer Reise zurückkehrt, trifft. Dieser kann ebenfalls nicht glauben, dass sie sterben wollte. Da Felix allen im Haus erzählt hat, dass seine Freundin psychische Probleme hat, glaubt ihr niemand und die Polizei schon gar nicht. Auf perfide Weise und mit sanfter Gewalt beginnt Felix, Nancy zu überwachen, als wollten er und die Hausgemeinschaft nicht, dass ein Mord ans Tageslicht kommt. Michelle, eine völlig distanzlose Nachbarin, hat sogar die Schlüssel der Wohnung und soll ein Auge auf Nancy haben, wenn Felix arbeiten geht. Da Michelle behauptet, dass Nancy sie bedroht habe, lässt Felix seine Freundin in die Psychiatrie einweisen. Nur durch ein geschicktes Schauspiel kann Nancy die psychiatrische Fachklinik verlassen, in der sie misshandelt und mit Medikamenten mundtot gemacht wurde. Nancy plant nun, Felix zu verlassen und die Polizei, trotz aller Bedenken, nochmals zu bitten, Kiras Mörder zu finden. Diesmal hat sie Glück, denn sie trifft auf die taffe Maud O’Connor, die sich von der toxischen Männlichkeit ihrer Kollegen und ihres Vorgesetzten nicht einschüchtern lässt. Sie erkennt sehr schnell an den Fotos, dass aufgrund von Kiras Körpergröße, der viel zu niedrige Hocker in der Wohnung, nie bei einem Selbstmord benutzt hätte werden können. Gegen alle Widerstände ermittelt Maud nun und begreift auch, dass der sich so sorgende Felix ein Psychopath ist, der seine Freundin rund um die Uhr kontrolliert und ihr jegliche Eigenständigkeit bei Fehlverhalten nehmen kann. Wie sich Nancy aus den Fängen ihres Bewachers, der sie immer als „die Irre“ abstempeln kann, endgültig befreit und Maud den wahren Täter durch kluge Polizeiarbeit ermittelt, liest sich atemberaubend. Nie wissen die Lesenden genau, ob Nancy sich nicht vielleicht doch alles ausgedacht hat und wirklich ärztliche Hilfe benötigt. Und doch fliegen ihr alle Sympathien zu, denn fast alle männlichen Figuren in dieser rasant geschriebenen Handlung glauben, den Frauen gegenüber überlegen zu sein und sind es letztendlich nicht.
Das englische Autoren-Duo Nicci Gerrard und Sean French schafft es in jedem Romane, die Spannung nicht nur zu halten, sondern mehr und mehr zu steigern, bis zum überraschenden Finale.
Sehr empfehlenswert!