Hannah Häffner: Die Riesinnen, Penguin Verlag, München 2026, 416 Seiten, €24,00, 978-3-328-60433-4

„Eva hat den Großvater nicht gekannt, und es wird nicht über ihn geredet. Dennoch hat sie das Gefühl, Bescheid zu wissen. Da ist viel in den Dingen, die nicht gesagt werden. Überhaupt sind Liese und Cora groß darin, Dinge nicht zu sagen. Sie schauen sich kurz an und wissen alles.“

Innerhalb der Familien in Wittenmoos im Schwarzwald wird nicht viel geredet, allerdings wird viel übereinander gesprochen und das macht der Generation von Lieselotte Riessberger die allergrößten Sorgen. Die riesig große, dünne Frau mit den rotblonden, krausen Haaren huscht durch den Ort und fühlt sich schon schuldig, wenn sie nur mal mit dem Franz ein Wort wechselt. Lieses Ehemann Bernhard betreibt den Metzgerladen und wünscht sich nichts so sehr wie einen Sohn. Die Ehe ist lieblos, denn Bernhard kann sich über sein Kind, Liese nennt es Cornelia, kaum freuen. Cornelia ist dazu noch ein Schreikind und entwickelt sich zu einem wilden, eigensinnigen Mädchen, mit dem die Kinder im Ort nicht spielen wollen. Auch die Schwiegereltern, Wilhelm und Margret, suchen keinen Kontakt zu ihrem Enkelkind, das Liese Cora nennen wird. Wenn Bernhard Cora gnadenlos schlägt, tröstet Liese und kann nichts machen. Als Bernhard dann bei einem Autounfall ums Leben kommt, trauert Liese nicht eine Sekunde. Sie fordert, auch wenn sie keine Ahnung hat, die Metzgerei und lebt im Haus, das Bernhard gebaut hat. Cora ähnelt ihrer Mutter äußerlich, auch sie ist groß und rothaarig. Wie Liese liebt sie den Wald und doch zieht es sie nach dem Abschluss der Schule hinaus in die Welt. Wie die einsame, wie hart arbeitende Liese ist die ruhelose Cora eine Außenseiterin. Doch Cora schert sich nicht um den Tratsch im Ort, sie legt keinen Wert auf den guten Ruf und trägt Miniröcke. Als sie endlich ziellos Paris, Amsterdam und Italien mit ihrer Freundin Mette entdecken kann, bemerkt sie nicht, dass sie schwanger ist. Wer der Vater ist, kann sie nicht sagen und kehrt mit erhobenem Haupt in die Heimat zurück. Mit dem ersparten Geld von Liese, inzwischen ist die Mauer gefallen, eröffnen Mutter und Tochter einen Gasthof. Cora bekommt ihr Kind und nennt es Eva.

„Cora lässt die Leute reden, sie weiß, dass sie das manchmal brauchen. Wenn es so viel wird, dass sie es nicht mehr ertragen kann, geht sie dahin, wo keine Leute sind.
Der Wald ist immer geduldig, nimmt ihr nicht übel, dass sie weg war. Die Stille ist nicht vorwurfsvoll, auch nicht gleichgültig. Sie ist so wie immer, allumfassend und tief.“

Die Frauen arbeiten viel, finden Leute, die mit ihnen gegen die Konkurrenz an einem Strang ziehen und sind erfolgreich. Auch Eva erbt die roten Haare und die Körpergröße und sie stellt Fragen nach dem Großvater, nach der Familie. Sie ist kommunikativer als Mutter und Großmutter und auch sie zieht es bei aller Liebe zum Wald in die Stadt. In Stuttgart studiert sie BWL und wird nicht glücklich. Kehrt zurück und muss zusehen wie der Gasthof Riessberger in Flammen aufgeht.

Cora und Eva, aber auch Liese wollten der Enge ihrer Heimat, der Gemeinschaft, die doch zusammenhalten sollte, was eher ein Mythos ist, entfliehen. Alle sind geblieben oder zurückgekehrt, um sich in ihrer ganz eigenen Familienkonstellation ohne Männer oder Partnerinnen aneinander festzuhalten.
Hannah Häffners Sprache ist teilweise spröde, teilweise sehr poetisch, wenn sie Landschaften und Gefühle beschreibt.
Eine Entdeckung!