Louise Candlish: Our Holiday, Aus dem Englischen von Beate Brammertz, btb Verlag, München 2026, 576 Seiten, €17,00, 978-3-442-76339-9
„Amy hatte es sofort gespürt, nicht wahr, obwohl sie es nicht hatte klar benennen können, sondern es in andere Ängste sublimiert hatte. Doch wie deutlich es jetzt war!
Sie waren Zielscheiben, sie alle miteinander. Zielscheiben in ihren eigenen Häusern.“
Vier Wochen im August verbringen die Tuckers ihre Ferien an der Südküste Englands. Charlotte und Perry reisen aus London nach Pine Ridge und wohnen in ihrem großen Sommerhaus mit Cliff View, in dessen Garten sich auch ein sogenanntes Nook befindet, ein gemütliches Häuschen als Rückzugsort oder für Gäste. Doch dieses Jahr fühlen sich nicht nur die Tuckers, sondern auch ihre Freunde und Nachbarn, Amy und Linus Shaw, und alle anderen wohlhabenden Besitzer eines Zweitwohnsitzes nicht willkommen. Aktivisten, die sich als Gruppe „Not Just for August“ nennen, organisieren gezielt unerfreuliche Angriffe auf Häuser und Autos der verhassten Londoner.
Louise Candlish erzählt zum einen aus den Perspektiven von Charlotte, Perry, Amy, Beattie, Amys siebzehnjähriger Tochter, zum anderen aus den Blickwinkeln der Aktivisten, Tate und Robbie.
Verärgert über die monatelang frei stehenden Häuser und die schlechte eigene Wohnungslage attackieren Tate und Robbie die SUVs mit roter Farbe, sie verunstalten die Häuser mit Aufklebern oder verstopfen die Briefkästen mit Flyern. Vor tätlichen Angriffe oder gar Morddrohungen schrecken sie jedoch zurück, ihnen geht es nur um die Aufmerksamkeit der Presse oder die kommentierten Clips in den sozialen Medien. Dass am Ende des Sommers eines der kleinen Gartenhäuschen die Klippen herunterkrachen wird, war nie geplant, schon gar nicht, als sich herausstellt, dass ein Mensch durch diese Aktion getötet wurde.
Nach und nach lernen die Lesenden die Familien Tucker und Shaw kennen, bei denen eher die Frauen eng befreundet sind. Perry und Linus finden kaum ein gemeinsames Thema, zumal Perry zu gern schnell Auto fährt und Linus ein begeisterter Rennradfahrer ist. Der Sohn der Tuckers, Benedict, bringt in diesem Sommer seine Freundin Tabitha mit, die unverhohlen mit den Aktivisten sympathisiert, was Perry zutiefst verärgert. Beattie Shaw will in diesem Sommer einfach nur ein sexuelles Abenteuer erleben und bändelt ausgerechnet mit Tate an, der als Barkeeper arbeitet und eine schwangere Freundin hat. Als Beattie ihre schicken Klamotten und Schuhe vorführt und behauptet, sie seinen billig als Fakeware gekauft worden, zweifelt Charlotte an dieser Aussage. Doch woher hat die junge Frau so viel Geld? Etwas neurotisch und verunsichert reagiert Amy auf all die Geschehnisse in diesem Sommer und kann nicht glauben, dass Charlotte im Haus ihrer anderen Nachbarn, den Rickmans, die in diesem August ihr Haus nicht bewohnen, illegale Wohnnomaden vermutet. Nur Perry, trockener Alkoholiker, reagiert auf seine Art eher mit Spott und Gleichgültigkeit auf die Attacken der Aktivisten, zumal er sich moralisch überlegen fühlt, da er zwar reich ist, aber doch für die Gesellschaft in London unentgeltlich einiges tut. So kümmert er sich um ein Obdachlosenheim, allerdings lebt hier auch sein junger Liebhaber Jordan.
Louise Candlish erzählt in ihrer temporeichen Handlung von der zunehmenden Spaltung der britischen Gesellschaft in Arm und Reich. Ihre Protagonisten sind nicht gerade sympathisch, denn sie schauen meistens auf ihre eigenen Interessen und Vorteile, sind gierig und nur auf ihre Außenwirkung bedacht. Und es geht um die Konflikte zwischen den Generationen, in denen die Jüngeren gern ihre moralische Überlegenheit demonstriert, aber auch alle Privilegien der Älteren ohne Gegenleistung in Anspruch nehmen.
Wer am Ende der Tote am Fuße der Klippen ist, interessiert letztendlich niemand, denn die Reichen halten trotz heftiger Auseinandersetzungen und Konflikte, wenn es um ihr eigenes Wohlergehen geht, zusammen und kommen am Ende, Ironie der Geschichte, immer mit allem durch.
Empfehlenswert!